Europäische Identität und die Bergpredigt

Kette

Die atlantische Wertegemeinschaft, Trump hat sie umgebracht. Gottseidank.

Ulrich Scholz
  • Interkulturelle Kompetenz ist ohne eine eigene verinnerlichte Kultur nicht möglich

Als Michael Gorbatschow 1991 den Warschauer Pakt auflöste, hing die NATO mit ihrem Feindbild in der Luft und damit auch der Verfassungsauftrag der Bundeswehr, Landesverteidigung. Es gab keinen Feind mehr. Neue Aufgaben ließen nicht lange auf sich warten. Nachdem das Bundesverfassungsgericht 1994 Out of Area Einsätze der Bundeswehr gebilligt hatte, beteiligten sich (und beteiligen sich noch heute) deutsche Soldaten bei sogenannten Peace Support Operations an Brennpunkten in Afrika und Asien. Neben den Besonderheiten der asymmetrischen Kriegführung - der Gegner waren nicht mehr Armeen, sondern unkonventionell kämpfende Rebellengruppen – war eines der wichigsten Ausbildungsthemen für unsere Soldaten interkulturelle Kompetenz. Nicht mehr einen Krieg gewinnen war Auftrag, sondern “the winning of hearts and minds” der einheimischen Bevölkerung. Dazu war es wichtig, deren Kultur zu kennen und zu verstehen. Der damit verbundene Paradigmenwechsel im Selbstverständnis eines Militärs fand natürlich auch in der Führungsausbildung der Bundeswehr Eingang. Das neue Unterrichtsthema an der Führungsakadmie der Bundeswehr lautete Interkulturelle Kompetenz.

  • Christentum als das Wesen von europäischer Identität

Bei einem dieser Unterrichte bemerkte ein Hauptmann und Kompaniechef des Heeres (Afghanistan-Veteran), dass eine solche Kompetenz doch nur dann zu erlangen sei, wenn man selbst eine Identität in der eigenen Kultur besitzt. Er war der Ansicht, dass diese bei den meisten Soldaten nur oberflächlich ausgeprägt ist. Im Hörsaal wurde trefflich diskutiert. Man war sich einig, dass Symbole, Bekenntnisse und Rituale nicht ausreichten. Die Landesfarben zur Schau tragen, Demokratie beschwören, das Absingen der 3. Strophe der Nationalhymne und an Heiligabend in die Kirche zum Krippenspiel gehen, machen noch keine Identität. Es sind die Antworten auf existenzielle Fragen, die sie erkennen lassen, wie wie zum Beispiel: An was glaubst Du (Religion)? – Woher kommst Du (Geschichte)? – Wie stehst Du zu Deinen Mitmenschen (Männer, Frauen, Kinder, Alte, Fremde, Andersdenkende)? – Identität wird nicht so sehr an den Antworten auf diese Fragen erkennbar, sondern vor allem an der Haltung, wie jemand ist. Adjektive geben darüber Aufschluss. Wenn Menschen bedingungslos liebevoll und freundlich und darüber hinaus tolerant und selbstkritisch sind, lässt sich auf eine gemeinsame Identität schließen, die es erst möglich macht, Menschen anderer Kulturkreise zu verstehen und auf sie zuzugehen. Meine Erfahrungen als Deutscher und Europäer machen mich sicher, dass wir in diesem Sinne als Volk und europäische Völkergemeinschaft eine gemeinsame Identität besitzen. Die gleichen Haltungen kennzeichnen auch Menschen anderer Länder, wie in den USA. Kanada und Australien. Ursache ist die gemeinsame historische Herkunft, die vom Christentum geprägt wurde. Auch Menschen anderer Kulturen, die von ihren Religionen, wie dem Islam oder dem Buddhismus geprägt wurden, kennen und wertschätzen diese christlichen Attribute. Sie scheinen universell zu sein.

  • Der Verrat an einer europäischen Identität

Wie die Kriege und Konflikte der Neuzeit zeigen, treten sie zurück, wenn Gruppen-Interessen, die meistens wirtschaftlicher Natur sind, nur noch das Trennende zum Thema machen. Von Scharfmachern mit Methode betrieben, schaaren sich Menschen um die Fahne der eigenen Gruppe und sehen in der anderen nur noch den Feind. Die Gewalt, die damit einhergeht, bestätigt das eigene Rechthaben und bringt sogar Demokratien dazu, Kriege zu führen, zu rechtfertigen und zu rüsten, um sich auf neue Kriege vorzubereiten. Aktuelle Beispiele dieses Musters sind die Kriege in der Ukraine und in West-Asien. Ob man damit mehr Sicherheit vor Agressionen bekommt sei dahingestellt. Nachhaltigen Frieden, der ohne Versöhnung nicht möglich ist, erreicht man auf diese Weise nicht. Europas Geschichte nach zweien Weltkriegen sprechen für sich. Sie scheinen vegessen. Heute lassen sich sogar demokratische Gesellschaften, die ihren Ursprung im Christentum haben, wieder von Scharfmachern spalten.

  • Kulturelle Identität, made in USA

Das herausstechende Beispiel ist die Innenpolitik des momentanen US-Präsidenten Donald Trump. Der hat sich vorgenommen, wieder eine “reine” US-Gesellschaft zu schaffen. Neu-gegründete Polizei-Einheiten wurden aufgestellt, die Jagd auf Menschen machen, die nicht in das Bild eines “gereinigten” Amerikas passen. Prominente US-Bürger, die sich gegen eine solche Politik wehren, werden diffamiert. Man schickt sogar Militär in die Städte, um Proteste aus der Bevölkerung mit Gewalt zu unterdrücken. Hatte man schon vorher im politischen Europa Schmerzen mit der Außen- und Wirtschaftspolitik dieses Präsidenten gehabt, werden jetzt gewichtige Stimmen laut, die die atlantische Wertegemeinschaft überhaupt in Frage stellen. Man hätte sie schon vorher in Frage stellen müssen, wenn man sich einer europäischen Identität bewusst gewesen wäre.

In den USA werden Straftäter von einfachen Bürgern in einem Geschworenengericht zum Tode zu verurteilt, um sie dann jahrelang wegzusperren, bis sie irgendwann hingerichtet werden. Ein solches System lässt sich nicht mehr mit “Anderes Rechtsverständnis einer Demokratie” rechtfertigen. In Europa wurde im Eingungsprozess die Todesstrafe verboten. Sie verstösst eklatant gegen europäische Werte. Das Gleiche gilt für Drohnenexekutionen durch das US-Militär in Asien und Afrika unter In Kaufnahme von Tausenden unschuldiger Opfer (“Kollateralschäden”) sowie für das Foltern von muslimischen Gefangenen im Militärgefängnis von Guantanamo Bay. Wir müssten eigentlich Herrn Trump dankbar sein, wenn seine Politik zu einem Bruch in der atlantischen Wertegemeinschaft geführt hat. Er zwingt nämlich die Europäer dazu, sich ihrer eigenen Identität bewusst zu werden und endlich zu einer eigenständigen wahrlich christlichen Politik zu finden. Eine solche Politik wird sicherlich nicht zu einem Zulauf bei den christlichen Kirchen in Europa führen und ist auch nicht ihre Aufgabe. Die Trennung von Staat und Religion ist ein wesentliches Merkmal unserer Demokratie. Die Überzeugungskraft einer solchen Politik liegt eben nicht nur im Glauben der Menschen, sondern kann über die Wissenschaften argumentiert werden.

  • Die Wissenschaft, Sekundant einer christlichen Identität

Aus der Hirnforschung wissen wir, dass alle Wahnehmungen nur subjektiv sein können. Aus ihnen Wahrheiten abzuleiten, ist schlicht unwissenschaftlich. Diese Erkenntnis hat bei uns schon längst Eingang gefunden. In der Scheidungsrechtssprechung hat man das Schuldprinzip abgeschafft. In der Psychotherapie werden zwischenmenschliche Konflikte nicht mehr dadurch gelöst, dass man nach Schuldigen sucht (der andere Ehepartner, unangenehme Chefs und Mitarbeiter oder störende Kinder), sondern man konzentriert sich auf “kranke” Beziehungen. Die sind deswegen krank, weil es an christlichen Haltungen gefehlt hat. Bedingungslos liebevoll und freundlich, tolerant und selbstkritisch. Diese Geisteshaltung finden wir in der Bergpredigt von Jesus Christus wieder. Sie wendet sich u.a. gegen Zorn, Beleidigung und Töten, gegen das ultimative “Ja oder Nein”, gegen Vergeltung und fordert sogar Feindesliebe. Sie sehen, dass Wissenschaft und Christentum kein Widerspruch sein müssen,sondern sich sogar gegenseitig bestätigen. Bleibt die Frage, wie man eine Identität, die auf solchen Erkenntnissen beruht, zum Leben erweckt.

  • Ein Weg zu einer neuen europäischen Identität

Bildung, das Wissen und das Verstehen um die eigene Kultur, gehören sicherlich dazu. Die wichtigste Veränderung auf diesem Weg liegt jedoch beim einzelnen. Sie äußert sich im Anspruch an sich selbst, Ich sage nicht mehr “Man müsste”, sondern stattdessen “Ich soll”. Wer von dieser Haltung immer schon beseelt war, der weiß um die Wirkung auf seine Mitmenschen. Wenn politische Verantwortliche in Europa sie übernehmen würden, stünde die Tür zu einer wahrlich europäischen Gesellschaft weit offen. Der Einfluss auf die Welt bestünde nicht nur aus Wirtschaftskraft und militärischer Stärke, sondern auf gelebten Werten, denen sich auch andere Kulturen nicht entziehen könnten. Im Angesicht von Not und Leiden in der Welt wäre die skizzierte europäische Identität JETZT so wichtig. [Ulrich Scholz, erstveröffentlicht auf Ulrichs Newsletter]

VVN-BdA verurteilt völkerrechtswidrigen US-Angriff auf Venezuela

Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) reagierte heute mit folgender Erklärung auf den völkerrechtswidrigen Angriff der USA auf Venezuela:

Mit Entsetzen nimmt die VVN-BdA zur Kenntnis, dass auf die völkerrechtswidrigen US-Militäreinsätze gegen venezolanische Schiffe und Boote nun ein großangelegter Militäreinsatz im Landesinnern gefolgt ist. Strategie und Taktik der USA orientieren sich dabei ganz offensichtlich an der US-Politik der 70er und 80er Jahre in Lateinamerika. Handlungsleitend ist dabei weiterhin die sogenannte Monroe-Doktrin nach der die USA die unabänderliche Vormachtstellung in Mittel- und Südamerika haben sollten. Die Botschaft an die anderen lateinamerikanischen Staaten ist klar: die USA nehmen ihren „Hinterhof“ wieder in Besitz und wer sich den US-amerikanischen Interessen nicht beugt, muss mit härtesten Konsequenzen rechnen.

Unabhängig davon, wie die Regierung Maduro politisch einzuschätzen ist, führt das Vorgehen der Trump-Administration zu einer weiteren Implosion regelbasierten Vorgehens in der Weltpolitik. Mit Donald Trump und seiner Administration sind eine regelbasierte Ordnung und Rechtsstaatlichkeit nicht möglich und Frieden unerreichbar.

Wir fordern die Bundesregierung auf, diesen Angriff zu verurteilen und der Erosion des Völkerrechts mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln entgegenzutreten. USA raus aus Venezuela – Lateinamerika ist kein „Hinterhof“! [PM]

Morgen kommen die Sternsinger

Flyer Sternsinger 2026

Morgen, am 4. Januar, sind die Sternsinger ab 10 Uhr unterwegs. Sie bringen den Segen in die Häuser und sammeln Spenden für Kinder in Not. Die diesjährige Aktion heißt "Sternsinger gegen Kinderarbeit - Schule Statt Fabrik". Sie unterstützt Kinder in Bangladesch, damit sie zur Schule gehen können und geschützt aufwachsen. [Kirchengemeinde]

Einladung zum DGB-Neujahrsempfang: Gute Arbeit, starke Wirtschaft, soziale Sicherheit

Stefan Körzell, Bundesvorstand DGB
Stefan Körzell

Am Sonntag den, 11.01.2026, ab 11:00 Uhr, findet im Heimathaus in Aschendorf wieder der traditionelle Neujahrsempfang des DGB Kreisverbandes Nördliches Emsland und Leer statt. Dieses Jahr hält Stefan Körzell, Mitglied DGB Bundesvorstand, die Neujahrsrede.

Zur Person: Stefan Körzell Stefan ist Mitglied des Geschäftsführenden Bundesvorstands des DGB. Er ist hauptverantwortlich für die Gewerkschaften in der Mindestlohnkommission und kämpft dort für die Interessen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland. Die wachsende Ungleichheit im Land sieht er als große Gefahr für die Demokratie.

Klar ist: Vermögen müssen gerechter verteilt werden. Laut Jahresgutachten (2025) des Sachverständigenrates (SVR) haben die reichsten 10% der Bevölkerung mittlerweile knapp 60 Prozent des Gesamtvermögens. Die unteren 50% dagegen nur noch knapp 2 Prozent. Rund die Hälfte der Immobilienvermögen und über 85 Prozent der Betriebsvermögen entfallen auf das reichste Zehntel. Deshalb fordert der DGB eine Reform der Erbschaft-, und eine Wiedereinführung der Vermögensteuer.

Den traditionellen Neujahrsempfang des DGB KV Nördl. Emsland und Leer besuchen jedes Jahr viele Kolleginnen und Kollegen, Betriebs- und Personalräten sowie Vertreterinnen und Vertretern der Einzelgewerkschaften aus der Region. Auch die Politik ist prominent vertreten. Musikalisch wird die Veranstaltung von Manfred Noack begleitet. [PM DGB]

Deutsche Banken: Willige Helfer gegen die Meinungsfreiheit

Kurz hintereinander haben die GLS Bank und die Sparkasse am Sitz der Solidaritätsvereinigung Rote Hilfe e.V. in Göttingen alle Konten des strömungsübergreifenden linken Zusammenschlusses gegen staatliche Repression gekündigt.

Die Rote Hilfe geht davon aus, dass die Listung der sogenannten »Antifa Ost« als ausländische Terrororganisation durch die US-Regierung unter Präsident Donald Trump der Grund der plötzlichen Kontokündigungen ist. Eine Gruppe namens »Antifa Ost« gibt es zwar nicht, aber einige der Antifa zugerechnete Menschen, die Gewalttaten gegen Neonazis begangen haben sollen, erhalten von der Roten Hilfe Rechtshilfe. Für die USA Grund genug, alles in einen Topf zu werfen.

Die GLS-Bank, eine Genossenschaftsbank, die aus der anthroposophischen Bewegung zur Finanzierung von Waldorfschulen entstanden ist, und die sich zugute hält, nach sozialökologischen Grundsätzen zu arbeiten, hatte zuvor schon der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) die Konten gekündigt.

Bedenklich ist, wie hier den Sanktionen der USA von deutschen Institutionen einfach gefolgt wird und die USA somit exterritorial Recht setzen können.

Aber auch die EU arbeitet mit Sanktionen gegen einzelne Bürger und Organisationen. Ursprünglich gedacht, um mit Sanktionen Handlungen anderer Staaten gegen europäische Interessen abzuwehren, werden jetzt auch Sanktionen gegen eigene Bürger verhängt. Diese Sanktionen werden von der EU-Verwaltung verhängt und haben keine Rechtfertigung in irgendeinem Gesetz der EU-Mitgliedstaaten. Entsprechend unmöglich ist es den Betroffenen, sich gegen die Sanktionen zu wehren. Ihnen werden einfach alle Möglichkeiten, sich wirtschaftlich zu betätigen genommen. Sie haben keine Konten mehr, keine Renten und sonstigen Einnahmen mehr und jeder, der ihnen hilft, wird selbst mit Sanktionen bedroht. Hallo-Wippingen berichtete bereits über den deutschen Journalisten Hüseyin Doğru, der von der EU sanktioniert wird.

Ebenso erging es dem Schweizer Ex-Militär und Buchautor Jacques Baud. Der EU-Rat für Auswärtige Angelegenheiten hatte Baud mit seinem Beschluss vom 15. Dezember mit Sanktionen belegt, die unter anderem seine Konten sperrten und seine Reisefreiheit beendeten. Die NachDenkSeiten berichteten wiederholt über diesen Fall und über ähnliche Vorgänge. [jdm/HM]

Friedennobelpreis für ultrarechte Kriegstreiberin: Assange stellt Strafanzeige gegen Nobelpreiskomitee

Der WikiLeaks-Gründer Julian Assange hat laut einer Meldung von America 21 am Dienstag in Schweden eine Strafanzeige gegen die Nobelstiftung und rund 30 mit ihr verbundene Personen eingereicht. Hintergrund ist die Verleihung des Friedensnobelpreises 2025 an die venezolanische Oppositionspolitikerin María Corina Machado. Assange wirft der Stiftungsführung unter anderem schwere Untreue, Veruntreuung von Stiftungsgeldern sowie die Beihilfe zu Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor.

Assange argumentiert, die ultrarechte Machado habe wiederholt zu militärischer Intervention gegen Venezuela aufgerufen und US-amerikanische Angriffe öffentlich unterstützt. Die Preisverleihung unterstütze direkt die militärische Eskalation, die die USA derzeit unter dem Vorwand der Drogenbekämpfung betreiben. US-Präsident Donald Trump hat völkerrechtswidrig den Luftraum über und um Venezuela für geschlossen erklärt. Die USA betreiben die größte Truppenverlegung in der Region seit Jahrzehnten. Flugzeugträger kreuzen vor der Küste. Die USA haben am 10. Dezember den Tanker "Skipper" mit rund 1,1 Millionen Barrel Rohöl für Kuba an Bord gekapert und in die USA entführt. Durch die Auszahlung der Preisgelder sieht Assange diese Eskalation indirekt legitimiert und finanziell begünstigt.

Die Anzeige listet mehrere öffentliche Äußerungen Machados auf, in denen sie militärische Gewalt als gerechtfertigt bezeichnet habe. Zudem verweist Assange auf Kritik zahlreicher Friedensorganisationen sowie früherer Nobelpreisträger an der Entscheidung.

Assange fordert die schwedischen Behörden auf, die Auszahlung der Mittel zu stoppen, interne Unterlagen der Nobelstiftung sicherzustellen, verantwortliche Funktionsträger zu vernehmen und den Fall gegebenenfalls an den Internationalen Strafgerichtshof zu übergeben. Der Friedensnobelpreis dürfe nicht "von einem Instrument des Friedens in ein Instrument des Krieges verwandelt werden."

Die Nobelstiftung ist eine schwedische Stiftung mit Sitz in Stockholm. Sie verwaltet das Vermögen Alfred Nobels und ist rechtlich für die Einhaltung seines Testaments verantwortlich. Das norwegische Nobelkomitee trifft hingegen die Auswahlentscheidung. Es ist kein Vermögensverwalter und keine Stiftung im rechtlichen Sinn. Das Komitee unterliegt norwegischem Recht.

Die Anzeige wurde gleichzeitig bei der schwedischen Wirtschaftsstaatsanwaltschaft (Ekobrottsmyndigheten) und der Einheit für Kriegsverbrechen (Krigsbrottsenheten) eingereicht. Assange fordert, die Auszahlung des mit dem Preis verbundenen Preisgeldes in Höhe von elf Millionen schwedischen Kronen (rund 1,18 Millionen US-Dollar) an Machado umgehend einzufrieren.

Das Testament Alfred Nobels von 1895 habe festgelegt, dass der Friedenspreis an jene Person zu vergeben sei, die sich im zurückliegenden Jahr besonders für Völkerverständigung, Abrüstung und die Förderung des Friedens eingesetzt habe. Jede Auszahlung, die diesem Stiftungszweck widerspreche, stelle eine Veruntreuung dar. [jdm/America 21]

Vorkriegsberichterstattung: Der NDR ist allzeit bereit, nur NDRkultur ist noch nicht auf Linie

Die Bevölkerung soll kriegstüchtig werden, und dafür muss sie nach und nach mit entsprechenden Berichterstattungen auf das scheinbar Unausweichliche vorbereitet werden. „Sirenen, Bunker, Wasser, Strom: Wie Landkreise Zivilschutz aufbauen“, lautet heute eine Schlagzeile auf der NDR-Homepage. Dabei werden die Maßnahmen, auf die sich beispielsweise der Landkreis Stade vorbereitet, gern mit einem Mehrfachnutzen begründet: „es geht um Naturkatastrophen, aber auch um Folgen möglicher militärischer Auseinandersetzungen“.

Tags zuvor, am 13.12.2025 berichtete Hallo Niedersachsen über Schnuppertage bei der Bundeswehr: Discovery Days genannt. Die Woche sei ein Schnelldurchlauf für Jugendliche, um die Aufgaben von Soldatinnen und Soldaten kennenzulernen, wird erläutert.

Im Podcast „Streitkräfte und Strategien“ auf NDR Info werden gern angebliche internationale Experten interviewt, womit wohl gezeigt werden soll, dass die Kriegsvorbereitungen keineswegs nur in Deutschland angelaufen sind. Schwedens General Michael Claesson spricht über die Durchhaltefähigkeit in einem langfristigen Krieg. Die Phase des ewigen Friedens sei vorbei, erklärt er. Dabei beklagt der Interviewer, dass die gesellschaftliche Verankerung der Wehrhaftigkeit in Deutschland deutlich geringer sei als in Schweden – der NDR arbeitet daran…

Und wenn der NDR einmal jemand zu Wort kommen lässt, der sich gegen die Kriegstüchtigkeit positioniert, wie etwa bei der Vorstellung des Buches „Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde“, von Ole Nymoen am 23.04.2025, werden gleich Gegenpositionen und Warnungen vor gesellschaftlichen Irrwegen von Militärexperten mitgeliefert, wie etwa von der Talkshow-Expertin Claudia Major oder von dem Ex-Zeitsoldat Wolf Gregis.

Peinlich wurde es dann am Sonntagabend in Hallo Niedersachsen. Gezeigt wurde, wie ein Spezialflugzeug der Marineflieger in Nordholz ins nahe gelegene Museum verbracht werden sollte. Dabei waren 65 Soldaten im Einsatz – und gerieten an ihre Grenzen; fünf Landwirtschafts-Azubis hätten diese Aufgabe mit Schleppern aus ihren Betrieben wohl ohne Probleme erledigt. Das NDR-Team berichtete trotzdem positiv, und der Kommodore der Marineflieger bezeichnete den Vorgang als historisch. Wir haben eher den Eindruck gewonnen, dass Marine und NDR hier die Bodenhaftung verloren haben – sowohl im praktischen Sinne also auch im übertragenen Sinne des Realitätsverlustes.

Nicht unerwähnt bleiben soll hier allerdings das NDRkultur-Interview mit Ole Nymoen vom 09.12.2025, in dem er seine Meinung ohne „Gegenrede“ äußern darf. Hier ein Auszug: „Wir haben in Deutschland unglaublich viele Leute, die abstrakt für Kriegstüchtigkeit sind, aber wenn man sie selbst fragt, ob sie eigentlich dienen würden, dann lachen die nur und sagen Nein, natürlich nicht, das sollen die jungen Leute machen.“ [HM/erstveröffentlicht auf gruenealternative.de/forum-d]

Lesung mit Susanne Siegert am 20. Januar 2026

Plakat Susanne Siegert

Zum Auftakt des Jahres 2026 lädt das Dokumentations- und Informationszentrum Emslandlager (DIZ) zu einer Lesung mit Susanne Siegert aus ihrem Buch Gedenken neu denken in das Arkadenhaus, Hauptkanal Links 68-72 in Papenburg ein. 

Aufgrund des bereits jetzt festzustellenden großen Interesses wird eine zeitnahe Bestellung von Eintrittskarten per Mail an: mail@diz-emslandlager.de empfohlen. [jdm]

GEAS-Gesetz: Dobrindts Kinder-in-Haft-Gesetz stoppen!

Die Koalition möchte das GEAS-Anpassungsgesetz (Gemeinsames Europäische Asylsystem) durch den Bundestag peitschen. Statt Nächstenliebe wird das Grundrecht auf Asyl nahezu abgeschafft.

Sea-Eye, die deutsche Hilfsorganisation zur Rettung von in Seenot geratenen Menschen im Mittelmeer, ruft zu Online-Unterschriften auf, denn diese härteste Asylrechtsverschärfung seit Jahrzehnten dürfe so nicht kommen! Der Gesetzentwurf, der jetzt im Bundestag diskutiert wird, reizt nach Ansicht von Sea-Eye die Verschärfungsmöglichkeiten gegen flüchtende Menschen maximal aus und ist radikal menschenverachtend. Gleichzeitig will Deutschland jeden Spielraum für menschenwürdige Verbesserungen ungenutzt lassen. Christliche Politik am Limit- und das zu Weihnachten.

Mit dem sogenannten GEAS-Anpassungsgesetz sollen neue Lager entstehen, in denen Schutzsuchende an den Binnengrenzen teilweise monatelang festgehalten werden können – auch Kinder, Familien, Kranke und traumatisierte Menschen. Ohne richterlichen Beschluss- das gibt es bisher in Deutschland nicht.

Gleichzeitig sollen zukünftig parlamentarische Verfahren ausgehebelt werden: „Sichere Drittstaaten“ könnten so per Verordnung festgelegt werden – ohne demokratische Kontrolle durch den Bundestag und Bundesrat, und obwohl davon Existenzen abhängen. Wer flieht, hat so kaum noch eine Chance auf ein ordentliches Verfahren.

Das, was die Bundesregierung und besonders Abschiebe-Minister Dobrindt vorgelegt haben, ist eine Farce. In den hunderten Seiten finden sich nur menschenverachtende Vorschriften, die auch mit geltendem Recht und Konventionen unvereinbar sind.

Mit dem Gesetz werden “Haftzentren” eingeführt. Unfassbar: Unbegleitete Minderjährige dürfen “für ihren eigenen Schutz" inhaftiert werden. Aber auch Minderjährige mit ihren Eltern dürfen inhaftiert werden. Schule, Betreuung, Bildung, freies Kind-sein- Fehlanzeige. Es es enthält die Verhinderung von Asylverfahren durch Abschiebungen in einen Drittstaat, bevor Asyl überhaupt geprüft wird. Das ist die Abschaffung des Grundrechts auf Asyl durch die Hintertür und der Bruch mit der deutschen historischen Verantwortung.

Mit Ihrer Unterschrift können Sie die Forderungen unterstützen: Stoppt dieses Gesetzespaket! Keine Haftlager, keine Entrechtung, keine Politik auf dem Rücken von Schutzsuchenden! Appelliert an Friedrich Merz, Alexander Dobrindt und die Abgeordneten der Koalitionsfraktionen, ihr Gewissen wiederzufinden und dieses Paket abzulehnen. [Sea-Eye]

Nach der Rentenabstimmung im Bundestag: Neue Pläne für den Rentenklau

Die Organisation für Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) veröffentlichte im November einen Vergleich der Rentensysteme ihrer Mitgliedsstaaten. Demnach rangiert das deutsche Nettorentenniveau auf Platz 17 von 22 EU-Staaten.

Im ARD Deutschlandtrend waren 76 Prozent der Befragten gegen Absenkung des Rentenniveaus auf unter 48 Prozent. Auch die 18- bis 34-Jährigen sagen zu 57 Prozent, das ginge in die falsche Richtung, 83 Prozent befürworten die Einbeziehung von Beamten, Selbstständigen und Politikern in die gesetzliche Rentenversicherung. Eine Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 70 Jahre wird von 81 Prozent abgelehnt.

Also ist festzuhalten, dass die Junge-Union-Riege im Bundestag mit ihren Rentenkürzungsplänen keineswegs die Jugend repräsentiert. Und festzuhalten ist, dass das Rentenniveau in Deutschland eines der niedrigsten in Europa ist. Wenn sich die Bundesregierung mit ihrem Beschluss, das Rentenniveau derzeit nicht unter 48 % sinken zu lassen, als Wohltäter für die Rentner aufspielt, ist das doch etwas neben der Spur.

Und dass die Bundesregierung den Raubzug gegen die Rentner nur aufgeschoben hat, zeigt die Diskussion, die sie jetzt gerade über die Rente begonnen hat. "Die Lebensarbeitszeit ist eine Stellschraube, an die wir ranmüssen, um die gesetzliche Rente zu sichern», sagte Jens Südekum, der persönliche Berater von Finanzminister Lars Klingbeil (SPD).. "Rente für alle mit 70 ist falsch. Besser ist es, den Renteneintritt nicht an eine starre Alterszahl zu koppeln, sondern an eine Mindestanzahl von Beitragsjahren." Jeder weiß, dass eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit eine verkappte Rentensenkung ist. Und um diese durchzusetzen wird auf das bewährte "Teile und herrsche!" zurückgegriffen. Südekum will Akademiker später in die Rente gehen lassen. Damit sollen die Arbeiter dazu gebracht werden, der Rentensenkung zuzustimmen - weil es ja gegen die Akademiker geht.

Bei solchen Spielchen ist die SPD-Sozialministerin, die in ihrer Heimatstadt Duisburg hilft, die Armen aus dem Stadtbild zu vertreiben, gern dabei: Bas sagte im ARD-„Bericht aus Berlin“: „Ich finde die Idee grundsätzlich ganz gut.“ Und CDU-Generalsekretär Carsten 'Ich habe schon mal ein Jahr gearbeitet' Linnemann findet "Die Überlegung, das Renteneintrittsalter an die Zahl der Beitragsjahre zu koppeln, gehört da sicherlich dazu.“

Diese gut verdienenden Volksvertreter - alle mit Superpensionen für ihre Jobs im Bundestag und in der Regierung ohne in die Rentenkasse einzuzahlen - sind geschult darin, die Menschen, die ausweislich der Meinungsumfragen etwas ganz anderes wollen, für dumm zu verkaufen. [jdm]

DGB-Index Gute Arbeit 2025: 8 Stunden sind genug

DGB Index Gute Arbeit 2025

Die große Mehrheit der Beschäftigten in Deutschland (72 Prozent) möchte ihre tägliche Arbeitszeit auf maximal 8 Stunden begrenzen. Von denjenigen Beschäftigten, die den 8-Stunden-Tag sehr häufig oder oft überschreiten, würden 59 Prozent ihn gerne einhalten – wenn sie das selbst entscheiden könnten. Nahezu alle Beschäftigten (98 Prozent) wollen nicht länger als zehn Stunden arbeiten. Das sind zentrale Ergebnisse des DGB-Index Gute Arbeit 2025.

Zudem: Zufrieden mit ihrer aktuellen wöchentlichen Arbeitszeit sind lediglich 40 Prozent der Beschäftigten. 53 Prozent wünschen sich kürzere Arbeitszeiten. Bei schlechten Arbeitsbedingungen wünschen sich sogar 72 Prozent kürzere Arbeitszeiten.

Der häufigste Grund für das Missverhältnis zwischen Wunsch und Wirklichkeit sind unflexible betriebliche Arbeitsabläufe – 63 Prozent nennen starre Strukturen als Hinderungsgrund für kürzere Arbeitszeiten. 60 Prozent der Beschäftigten können die geforderte Arbeit nicht in der vorgesehenen Zeit schaffen. [Verdi]

Dorothee Koch zur ersten Geschäftsführerin der neuen DGB-Region Weser-Ems gewählt

Dorothee Koch (Foto: Werner Musterer)

Auf der 7. Bezirkskonferenz des DGB Niedersachsen-Bremen-Sachsen-Anhalt in Hannover wählten die Delegierten Dorothee Koch mit 96,3% der Stimmen an die Spitze der neu geschaffenen DGB-Region Weser-Ems.

Dorothee Koch, war seit 2013 die Geschäftsführerin der DGB-Region Oldenburg-Ostfriesland, bringt langjährige Erfahrung in ihre neue Position ein. Bereits seit 1994 ist sie beim Deutschen Gewerkschaftsbund tätig. Sie begann ihre Laufbahn als Jugendbildungs-referentin in Wilhelmshaven und wechselte später in die Rolle der Politischen Sekretärin beim DGB.

(Foto: Christian Alktkirch)

In ihrer Bewerbungsrede vor den Delegierten betonte Koch die Wichtigkeit der anstehenden Aufgabe: „Wir stehen heute vor einer wichtigen Weichenstellung. Es geht darum, aus zwei starken Regionen eine noch stärkere zu formen, die die Interessen von Arbeitnehmenden in Politik und Gesellschaft einbringt. “Ein zentrales Anliegen der neuen Regionsgeschäftsführerin bleibt die politische und gewerkschaftliche Bildungsarbeit, die sie als „DAS Werkzeug“ sieht, um zukünftigen Herausforderungen erfolgreich zu begegnen.

Die Zusammenarbeit mit den acht Mitgliedsgewerkschaften sowie den 18 DGB Stadt- und Kreisverbänden ist für Koch essenziell, um Themen wie Arbeitsplatzsicherung in Industrie, Handwerk und Dienstleistung, die Stärkung des Sozialstaates, gute Bildung und Mitbestimmung erfolgreich in die Fläche zu tragen. „Meine Vision für Weser-Ems ist eine Region, die nicht nur administrativ funktioniert, sondern als schlagkräftige politische Stimme der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wahrgenommen wird“, so Koch.

Die neue DGB-Region Weser-Ems ist eine der größten Regionen im Bezirk Niedersachsen-Bremen-Sachsen-Anhalt und vertritt die Interessen der Arbeitnehmerinnen und Arbeit-nehmern in einem geografisch weitläufigen Gebiet von der Küste bis ins Weser-Bergland. Fünf kreisfreie Städte (Osnabrück, Oldenburg, Delmenhorst, Wilhelmshaven, Emden) und zwölf Landkreise gehören zu dieser Region. In der Region Weser-Ems arbeiten rund 1,05 Mio. sozialversicherungspflichtige Beschäftigte. [PM DGB]

Lebens- und Arbeitsbedingungen sowjetischer Kriegsgefangener – Gedenkstätte Esterwegen: Studie des Co-Leiters Martin Koers veröffentlicht

Martin Koers - Sowjetische Kriegsgefangene. Buchcover

In ihrer Schriftenreihe veröffentlicht die Gedenkstätte Esterwegen nun den von Co-Gedenkstättenleiter Martin Koers verfassten Band „Sowjetische Kriegsgefangene in den Lagern des Emslandes und der Grafschaft Bentheim 1941–1945“. Die als Dissertation an der Ruhr-Universität Bochum unter der Betreuung von Prof. Dr. Bernd Faulenbach entstandene Studie beleuchtet erstmals umfassend die Lebens- und Arbeitsbedingungen sowjetischer Kriegsgefangener in den Kriegsgefangenenlagern im Emsland und der Grafschaft Bentheim.

Sowjetische Soldaten bildeten während des Zweiten Weltkriegs die größte Gruppe der Kriegsgefangenen in den Emslandlagern. Sie starben zu Tausenden an unzureichender Ernährung, harter Arbeit und menschenunwürdiger Behandlung. Auch der Zwangsarbeitseinsatz im regionalen Umfeld der Emslandlager forderte zahlreiche Tote. Vor allem jedoch im Bergbau und in der Kriegsproduktion der Rhein-Ruhr-Region mussten die Kriegsgefangenen Schwerstarbeit leisten, bis sie zusammenbrachen und zum Sterben in die Emslandlager zurückkehrten. Ihre Schicksale waren bislang in vielen Bereichen nur unzureichend erforscht und dokumentiert.

Koers ordnet die regionale Situation in den Gesamtkontext des Kriegsgefangenenwesens der Wehrmacht und des Arbeitseinsatzes im Wehrkreis VI Münster ein. Er zeichnet erstmals umfassend Lebenswege und Biografien auf, stellt detailliert die Transporte sowie Arbeitskommandos dar und wertet die Zahl der Toten statistisch aus. Es entsteht ein klares Bild von der Funktion der Lager und der Ausbeutung der Arbeitskraft bis in den Tod.

Sowjetische Kriegsgefangene galten bislang – auch in der Forschung – als eine vermeintlich homogene Masse. Diese Studie zeichnet ein sehr viel detaillierteres Bild ihres Lebens in Lagern und Arbeitskommandos, benennt Verweildauer, Lebenserwartung nach der Ausbeutung in der Zwangsarbeit und Todesursachen und skizziert mehr als 29.000 Biografien.

Die erstmalige Zusammenstellung der Kommandanten der emsländischen und bentheimischen Stammlager bietet zudem Ansatzpunkte für eine vertiefte Täterforschung. Auch die Räumungsmärsche zum Ende des Krieges, die Befreiung der Überlebenden und die Nachkriegszeit werden kurz beleuchtet. Die umfassenden Recherchen werden durch Berichte regionaler Zeitzeugen und bisher weitgehend unveröffentlichtes Bildmaterial bereichert.

Fünfzehn Konzentrations-, Straf- und Kriegsgefangenenlager unterhielt der NS-Staat im Emsland und der Grafschaft Bentheim zwischen 1933 und 1945. Als Haftstätten mit wechselnden, sich zeitlich überschneidenden Funktionen existierten neben den frühen Konzentrationslagern und den Strafvollzugslagern unter Aufsicht der Justizverwaltung ab 1939 auch neun Kriegsgefangenenlager des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) - die sogenannten Stammlager (Stalags) VI B und VI C. Martin Koers, geb. 1973, ist Historiker, seit 2021 Co-Leiter der Gedenkstätte Esterwegen und Archivar der Gemeinde Geeste. [Landkreis Emsland]

Diesen Freitag bundesweit: Über 100 Schulstreiks gegen die Wehrpflicht!

Sticker zum Schulstreik

Am Freitag soll die neue Wehrpflicht im Bundestag beschlossen werden. Nach Angaben des Netzwerks Friedenskooperative nehmen nach heutigem Stand in 124 Orten Schüler am selben Tag am Schulstreik gegen die Wehrpflicht teil und planen Aktionen. Aus dem Emsland wird nur Lingen aufgeführt; aus Ostfriesland wird Leer genannt. Mehr infos hier: https://www.friedenskooperative.de/aktion/schulstreiks-gegen-die-wehrpflicht-am-512.

Worum geht es den streikenden Schüler*innen? „Wir wollen nicht ein halbes Jahr unseres Lebens in Kasernen eingesperrt sein, zu Drill und Gehorsam erzogen werden und töten lernen. Krieg ist keine Zukunftsperspektive und zerstört unsere Lebensgrundlage.“, heißt es von Seiten der streikenden Schüler*innen. Auch beklagen sie, nicht gehört zu werden: „Niemand fragt uns, was wir wollen. Niemand will wissen, was wir dazu denken. Dabei sind wir die Betroffenen! Es sind unsere Leben, über die sie diskutieren und bestimmen wollen.“

Die neue Wehrpflicht ist ein Beitrag zur weiteren Militarisierung der Gesellschaft. Der Plan der schwarz-roten Bundesregierung sieht vor, dass junge Männer, die ab dem 1. Januar 2008 geboren sind, verpflichtend gemustert werden. Außerdem sollen alle 18-Jährigen ab dem nächsten Jahr einen Fragebogen erhalten, u. a. mit Fragen zu Größe, Gewicht und Qualifikationen. Junge Männer sind verpflichtet, den Fragebogen auszufüllen. Für Personen anderen Geschlechts ist die Beantwortung der Fragen freiwillig, da sie nicht der Wehrpflicht unterliegen. Ein zuvor vielfach diskutiertes Losverfahren ist allerdings erstmal vom Tisch - stattdessen gibt es die Zwangsmusterung. Ab einer Verpflichtungsdauer von 12 Monaten wird der Status "Soldat auf Zeit" eingeführt. Bisher war geplant, dass alle neuen Wehrdienstleistenden sofort Soldaten auf Zeit werden.

Für den Fall, dass sich unter den gemusterten Männern nicht genügend Freiwillige finden sollten, sieht der Plan der Koalition vor, eine "Bedarfswehrpflicht" einzusetzen. [jdm]

Meppen: Letzte NS-Baracke droht zu verfallen

Screenshot Hallo Niedersachsen Besuch in Baracke Emslandlager Versen Dr. Hans Müller

Auf dem Gelände der JVA Meppen-Versen steht eine Baracke, in der sich die Nazi-Kommandantur des Emslandlagers Versen befand. Die Baracke steht zwar unter Denkmalschutz, aber droht langsam vollkommen zu verfallen. Von den Gefängnisgeistlichen und anderen Personen, wie den Buch-Autoren Günter Kathmann und Hermann Krüssel, gibt es Bestrebungen, dem Verfall etwas entgegen zu setzen.

Hallo Niedersachsen berichtete am Samstag über einen Besuch des Holzschutzfachmanns Dr. Johann Müller aus Neudörpen, der die Baracke in Begleitung der Gefängnisgeistlichen in Augenschein nahm. [jdm/Screenshot Hallo Niedersachsen 29.11.2025]

Neudörpen soll Dorfgemeinschaftshaus für etwa 1,2 Mio € bekommen

Vorschlag für neues gemeindezentrum Neudörpen
Vorderansicht des Architektenvorschlags für Dorfgemeinschaftshaus Neudörpen

Der Bau eines neuen Dorfgemeinschaftshauses in Neudörpen steht auf der Tagesordnung der nächsten Gemeinderatssitzung in Dörpen am 4.12.2025 um 18 Uhr im Rathaus. Insgesamt 1.246.044,70 € soll der Neubau kosten. Die Gemeinde Dörpen hofft auf Zuschüsse vom Landkreis Emsland in Höhe von 249.208,94 € und vom Amt für regionale Landesentwicklung (ARL) in Höhe von 500.000 €. Der Gemeinde Dörpen verblieben somit Kosten in Höhe von 496.835,76 €.

Grundriss des neuen Gemeindezentrum Neudörpen 11/2025

Das Gebäude wird laut Ratsvorlage mit 321 m² etwa 66 m² größer als die Wippinger Mehrzweckhalle (255m²). Wenn die integrierte Schießhalle mit dem Schießstand mit 80,69 m² abgerechnet werden, bleiben 240,6 m² Nutzfläche. Das Dachgeschoss wird nicht ausgebaut. Die Baukosten sind anscheinend gesunken. In die Wippinger Mehrzweckhalle wurden vor 10 Jahren 1,2 Mio € investiert. Das wird mit diesem Plan unterboten, denn anders als seinerzeit in Wippingen sind die Kosten für die Gestaltung des Außenbereichs bereits in den geplanten  Kosten enthalten.

Der Mehrzweckraum, der durch eine Trennwand geteilt werden kann, wird 135,95 m² groß. Der Zugang zum Gebäude erfolgt durch einen Flur, an dem sich beidseitig die Toiletten befinden. Von diesem Flur gehen die Türen zu den beiden Teilen des Mehrzweckraums und die Tür zum Schützenstand. Die Küche – hier wünschten die NeudörpenerInnen schon lange eine Spülmaschine – befindet sich im hinteren Gebäudebereich mit Zugang vom Thekenbereich des Mehrzweckraums.

Die Dimensionen des Hauses sind für Neudörpen mit etwa 125 Einwohnern schon gewaltig. Ob das Gebäude als Gebäude der Gemeinde Dörpen von der gesamten Gemeinde genutzt werden kann ist uns nicht bekannt. Bisher gibt es nur eine Nutzung durch kirchliche Gruppen.

Das jetzige Gemeindezentrum Neudörpen

Das alte Gebäude war früher die Schule Neudörpens. Es ersetzte seinerzeit das alte Backsteingebäude. Es wurde aus einem Beton-Fertigbauteilsystem erstellt. Der Schweizer Architekt Fritz Stucky hatte in den 1950er Jahren das Variel-System genannte Modulbaussystem entwickelt. Es fand weite Verbreitung vor allem beim Schulbau. Stuckys System wurde in den 1970er Jahren immer weniger nachgefragt. Es war zwar immer noch kostengünstig, aber die Bauwirtschaft verlegte sich laut Wikipedia lieber auf die Anwerbung billiger Arbeitskräfte aus dem Ausland. Das Fertigteilgebäude in Neudörpen erhielt später mit einer Klinkerwand das heutige Aussehen.

Ob das heutige Gebäude tatsächlich abgängig ist oder aber ob nicht auch eine Erweiterung und teilweise Erneuerung des Gebäudes eine Alternative gewesen wäre, geht aus der Ratsvorlage nicht hervor. [jdm/Grafik: Architektenbüro Kuper]

Update vom 30.11.2025: Wir hatten geschrieben, daß eine Nutzung durch alle Dörpener vorgesehen ist. Das haben wir geändert.

Grüne Dienstpflicht: Rhetorik der Freiheit, Logik des Zwangs

Die Partei Die Linke sieht die geplante Pflicht zur Musterung als ersten Schritt in einen „militärischen Zwangsdienst“. Ganz anders äußern sich Teile der Grünen, etwa Franziska Brantner, die ein Register mit Freiwilligen für den Kriegsfall anregt und ausdrücklich auch Ältere in Konfliktvorbereitungen einbeziehen möchte. 

Schon zuvor hatten die bayerischen Grünen einen verpflichtenden „Freiheitsdienst“ für alle von 18 bis 67 Jahren gefordert – sechs Monate Wehrdienst, Zivilschutz oder Gesellschaftsdienst. Damit knüpft die Politik an eine lange Tradition staatlicher Dienstpflichten an: vom Kaiserreich über NS-Zwangsdienste bis zur Wehrpflicht im Kalten Krieg.

Die Idee, Bürger ab einem bestimmten Alter „abrufbar“ zu machen, taucht vor allem in Zeiten auf, in denen der Staat auf Kriegs- oder Krisenlogiken reagiert.  „Freiheitsdienst“ ist dafür ein irreführendes Etikett: Was per Definition freiwillig wäre, wird zur staatlich verordneten Pflicht. Ein altersübergreifender Staatsdienst wäre historisch neu – und ein Schritt in Richtung eines permanenten nationalen Bereitschaftskörpers. [Joop Deters]

Menschenfänger – Von Soldaten und Kindern

Wer Andere anzünden will, der muss selbst brennen. – Augustinus

Der erste Tag im Stabsoffizierslehrgang an der Führungsakademie der Bundeswehr war Begrüßungstag. Nach der Willkommensrede durch den Akademie-Kommandeur traf man sich mit seinem Hörsaalleiter im Unterrichtsraum des Hörsaals. Der Hörsaalleiter, im Dienstgrad Oberstleutnant, war gleichzeitig der Dozent für Führung und Management und der beurteilende Vorgesetzte für 15 angehende Stabsoffiziere von Heer, Luftwaffe und Marine. Für mich war es die letzte Verwendung vor meiner Pensionierung. In der ersten Unterrichtsstunde werden normalerweise eine Vorstellungsrunde durchgeführt sowie Inhalte und Ablauf des Lehrgangs vorgestellt. Auch formale Regeln, wie Anzugsordnung, Grußpflicht und Hörsaaldienste, werden angesprochen. Wir sind ja schließlich beim Militär. Wie dem auch sei, mein Anfang sah anders aus.

Nachdem jeder Platz genommen hatte, startete ich einen YouTube-Clip. „Meditation“ aus der Oper Thais von Jules Massenet, gespielt von der französischen Geigerin Marina Chiche. Als der Clip zu Ende war, fragte ich sie, was sie in den letzten 5 Minuten gedacht haben. Die meisten waren verunsichert und hatten sich gefragt: Warum spielt er uns das vor? - Ein Offizier der Marine (U-Boot Kommandant) traute sich. Er meinte: Die Musik ist sehr schön und die Geigerin hübsch. Ich genieß das jetzt Mal. Ich nahm die Vorlage an und fragte nach Gefühlen. Sie ließen sich darauf ein und begannen sogar, von eigenen Gefühlen auf die Handlung der Oper zu schließen. Unglückliche Liebe, Trennung, Traurigkeit, Verzweiflung. Ich habe ihnen die Handlung kurz erzählt. Es war für sie ein Erfolgserlebnis der etwas anderen Art. Sie waren auf den Lehrgang gekommen, um Leistung zu zeigen. Und nun hatten sie sich gleich am ersten Tag mit Gefühlen beschäftigt. Die Tragik der Thais-Geschichte fand dann doch noch ein lustiges Happy End. Jemand fragte, ob „Gefühle“ prüfungsrelevant sei. Das entscheiden Sie, bekamen sie zur Antwort. Der Verlauf des Lehrganges und das Ergebnis zeigten, dass sie verstanden hatten.

Alle hatten bestanden. Im Notenschnitt war der Hörsaal sogar einer der besten von insgesamt neun. Das mag Zufall gewesen sein. Natürlich waren alle extrinsisch motiviert gewesen. Eine gute Note sicherte die Teilnahme am Generalstabslehrgang und eine förderliche Anschlussverwendung auf einem A13 Dienstposten (Major/Korvettenkapitän). Was sie in 13 Wochen Pauken und Prüfungen getragen hatte, war nicht so sehr der Ehrgeiz, sondern das tägliche Arbeiten und Leben in der Gemeinschaft. Man hielt zusammen. Stärkere arbeiteten die Lernunterlagen auf und halfen damit den Schwächeren zu verstehen und zu behalten. Vor Allem aber sorgte man sich um das Wohlergehen des anderen, im dienstlichen wie im privaten. „Wie geht es Dir?“ war keine Floskel, sondern eine ernst gemeinte Frage. Ich weiß es, weil ich sie als ihr Hörsaalleiter in Unterrichten und beim Selbststudium nach Dienst begleitet habe. Als pflichtgemäßer Beobachter brauchte ich nicht zu führen. Sie führten sich selbst. – Das Zulassen von Gefühlen und diese in einer verkopften Welt das Handeln bestimmen lassen, hatten es möglich gemacht. Nach über 35 Jahren Menschführung in den Streitkräften besteht für mich kein Zweifel. Wenn ich Soldaten bewegen will, geht es nur über das Gefühl. Motivation, Einsatz und Leistung folgen. Dasselbe gilt im Übrigen auch für Kinder. Ich habe es in den letzten 10 Jahren als Vertretungslehrer an Gymnasien und Gesamtschulen ausprobiert. Die Geschichte des ersten Mal möchte ich Ihnen stellvertretend für die vielen Male danach im Folgenden erzählen.

Ich war für die Mittelstufe eines Gymnasiums als Geografie-Lehrer engagiert worden. Mein erster Unterricht war gleich morgens um 08.00 Uhr. Wegen der Vorbereitung des Unterrichtsraums war ich schon eine halbe Stunde eher gekommen. Die eintrudelnden Schüler nahmen mich mit versteckter Neugier wahr. Einige begannen, mich auszufragen. Ob ich der „Kampfpilot“ sei, der bei ihnen jetzt Geografie unterrichten wird. Meine Ankunft als Vertretungslehrer hatte in der Schule inzwischen die Runde gemacht. Ich begann die Unterrichtsstunde mit einem YouTube Clip, was die Klasse in ein gespanntes Schweigen versetzte. Zu dem Song „Bring me to life“ von Evanescence , rollten Kampfflugzeuge der Schweizer Luftwaffe auf die Startbahn, um sich zu einem faszinierenden Flugspektakel in den Schweizer Alpen in die Lüfte zu schwingen. Als nach 4 Minuten der Clip zu Ende war, habe ich die Selbstvorstellung mit ein paar Worten abgeschlossen. Über 20 Jahre habe ich solche Flugzeuge geflogen. Es war mein Traumberuf gewesen. Ich machte aber auch keinen Hehl daraus, dass ich Kampfjets inzwischen für überflüssig halte. Zu teuer und zum Frieden machen ungeeignet. Trotzdem wollte ich die Schüler an meiner vergangenen Welt ein bisschen teilhaben lassen und schlug ihnen vor, dass sie während des Schulhalbjahres ein Briefing halten sollten. Dauer 10 Minuten. Jeden Tag ist ein anderer dran. Das Geografie-Thema konnten sie sich aussuchen. Bedingung war, dass sie ein Alltagsthema vorstellen und damit zum Geografie-Thema überleiten. Ich habe ihnen ein Beispiel vorgeführt.

Der Kabinenroller des Prof. Messerschmitt aus den 1950er Jahren. Ein Motorroller, in dem zwei Personen hintereinander unter einem Kabinendach saßen. Danach zeigte ich ihnen Bilder von der Me109 und der Me 262, Jagdflugzeuge der deutschen Luftwaffe, die Prof. Messerschmitt im 2. Weltkrieg entwickelt hatte. Die Me 109 war Propeller-getrieben, die Me262 hatte zwei Düsen-Triebwerke. Nachdem ich ihnen kurz die Funktionsweisen des Jet- und des Propellerantriebs erklärt hatte, habe ich zum Geografie-Thema übergeleitet und ihnen die Troposphäre vorgestellt. Das ist die Luftschicht über der Erde, in der das Wetter stattfindet und an deren Obergrenze in ca. 10 000 Meter (der Tropopause) wegen der kalten Temperaturen und des geringen Luftdrucks Jetflugzeuge sehr effektiv (hohe Geschwindigkeit) und effizient (wenig Treibstoffverbrauch) operieren können. Ende des Briefings.

Die Umsetzung der „Morning-Briefings“ zeigte, dass die Schüler verstanden hatten. Insbesondere bei der Auswahl der Themen und deren Verknüpfung zeigten sie große Kreativität. Ein Schüler brachte seinen Fußball von Adidas mit. Alle Fußbälle, auch die bei großen Turnieren, werden von Adidas gestellt. Er erzählte etwas über die Firmengründer, die Brüder Adidas, die neben ihren Sportartikeln während des 2. Weltkrieges auch eine Panzerfaust entwickelt hatten. Sein Geografie-Thema war das Ausrichtungsland der Fußball-WM, Brasilien. Eine Schülerin brachte ihre Zahnbürste mit und fragte die Klasse, aus welchem Material diese hergestellt ist. Aus der Antwort – Erdöl – leitete sie auf einer Weltkarte zu den Erdöl fördernden Ländern über. Ferien bei den geliebten Großeltern führten zu einer Vorstellung der Ostseehalbinsel Darß. Jedes Morning-Briefing wurde mit Spannung erwartet. Wenn einmal jemand nicht vorbereitet war, der eigentlich dran war, haben wir verschoben. Ängste vor einer schlechten Note waren in den Briefing-Regeln nicht vorgesehen. Natürlich gab es Noten. Die Schüler selbst haben den Briefer benotet. Grundlage war, was gut gefallen hatte. Der Rest wurde unter „etwas gelernt“ verbucht. Der Leiter der Schule bemerkte einmal zu mir, dass ich zu gute Noten gäbe. Ich habe widersprochen. Wer so motiviert fleißig ist und Leistung bringt, wie meine Geografie-Schüler, der verdient nur die besten Noten. Was sie tatsächlich bewegt hat, sich in den Geografie-Unterricht so einzubringen, wie sie es getan hatten, weiß ich nicht. Ich bin überzeugt davon, dass es etwas mit Gefühl zu tun hat. Die Frage einer Schülerin, die sie mir zum Ende des Schuljahres gestellt hatte, lässt darauf schließen. Sie fragte mich:

Wenn man jeden Tag solche Flugzeuge geflogen ist, wie kann man es sich antun, jeden Tag als Lehrer seine Zeit mit schrecklichen Kindern zu verbringen? [Ulrich Scholz/erstveröffentlicht auf Ulrichs Newesletter]

Ehemalige Zivildienstleistende verabschiedeten „Osnabrücker Erklärung“

Jahrzehnte nach ihrer Entscheidung, den Kriegsdienst zu verweigern, haben sich ehemalige Zivildienstleistende in Osnabrück getroffen. Sie verabschiedeten dabei eine „Osnabrücker Erklärung“. Darin wird das Recht auf Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen nach Artikel 4, Absatz 3 des Grundgesetzes bekräftigt.

Zugleich wird in der „Osnabrücker Erklärung“ die Forderung erhoben, künftige Kriegsdienstverweigerungen von Frauen zu beachten, auch wenn sie derzeit noch von der Wehrpflicht ausgenommen seien. Die Erklärung endet mit einer Selbstverpflichtung der Teilnehmer: „Ich will dafür eintreten, dass Frieden ohne Waffen möglich wird!“ (Quelle und mehr: aus.sicht)

Felix Paul, Beauftragter für Friedensfragen der evangelisch-lutherische Landeskirche Hannover, sagte, die Landeskirche baue derzeit ein landesweites Beratungsnetz für Kriegsdienstverweigerer auf. Nach seinen Angaben haben sich bereits vermehrt junge Männer gemeldet, die unsicher sind, wie sie sich zum Wehrdienst verhalten sollen. Oft sei schon die Musterung ein Problem, schreibt die NOZ am 15.11.2025 in ihrem Bericht von der Veranstaltung. [HM/gruenealternative.de/forum-d]

NDR-Umfrage: Aktuell keine Mehrheit für Rot-Grün in Niedersachsen

Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts infratest dimap im Auftrag des NDR Niedersachsen hat die rot-grüne Landesregierung zurzeit keine Mehrheit in der Bevölkerung. Die SPD erhält eine Zustimmung von 26 Prozent – genau wie die CDU. Die Grünen stehen unverändert bei 12 Prozent, die Linke erreicht 6 Prozent und würde damit bei einer Landtagswahl in den Landtag einziehen.

Die rot-grüne Landesregierung hätte zusammen mit aktuell 38 Prozent also keine Mehrheit und könnte damit die Regierung nicht fortsetzen. Und bis zur nächsten Wahl im Jahr 2027 dürfte sich nicht so viel ändern, dass ein Regierungsbündnis gegen CDU und AfD (aktuell 20 Prozent) möglich wäre. Die Konsequenz aus den vorliegenden Zahlen wäre also eine Regierung aus SPD und CDU, nur bleibt spannend, welche dieser Parteien bei der nächsten Wahl vorn liegen wird und den Ministerpräsidenten stellen darf.

Die Grünen erzielten bei der Wahl im Oktober 2022 mit 14,5 Prozent der Stimmen ihr historisch bestes Wahlergebnis in Niedersachsen. Diesen Wert wird man wohl nicht wieder erreichen, zumal die Linken in Niedersachsen „grüne“ Themen (Beispiel Tierschutz) teilweise konsequenter vertreten als die Grünen selber.

Negative Tendenzen bei Umfragen zwischen den Wahlterminen werden gern als „Momentaufnahme“ mit geringer Aussagekraft abgetan, so auch jetzt von der Grünen Führungsfrau Julia Willie Hamburg. Doch hört man aus der Umgebung der Partei, dass sich weniger bekannte Abgeordnete aus schwächeren Kreisverbänden schon jetzt Sorgen um ihre politische Zukunft machen. Hinter den Kulissen werden offenbar die ersten Kämpfe ausgetragen, um sich zumindest den Rückhalt der eigenen Basis zu sichern.

Für die aktuellen Hinterbänkler im Landesparlament kommt noch erschwerend hinzu, dass in den letzten Wahlen zum Europaparlament und zum Bundestag einige bekannte Niedersachsen-Grüne den Sprung ins Parlament verpasst haben und sich bei der nächsten Wahl für einen der vorderen Plätze der Landtagskandidatenliste interessieren könnten. Keine guten Aussichten also für die grüne Diaspora im Emsland und im weiteren mittleren Westen des Landes. [HM/erstveröffentlicht auf gruenealternative.de/forum-d]

„man soll sie zerschmeißen, würgen, stechen,…“ – Back to the roots der Evangelischen Kirche – Auch Atomwaffen erwägenswert

Nach dem zweiten Weltkrieg und der moralischen Katastrophe der evangelischen Kirche, die als „Deutsche Christen“ mehrheitlich eine Stütze der Nazis gewesen war, gefiel es den Kirchenoberen, sich an die Bekennende Kirche zu erinnern, die als Minderheit in der Kirche wenigstens partiell Widerstand gegen die Nazis und ihre Ideologie geleistet hatte.

In der Zeit der Entspannungspolitik der1960er/1970er Jahre hielt die evangelische Kirche dann auch eine friedliche Politik für opportun, denn die Orientierung am Regierungshandeln ist ihr immer wichtig. Sogar Pazifismus wurde für gut befunden. Damit kam man als Deutsche mit der etwas „unglücklichen“ Geschichte in der „dunklen Zeit“ international auch gut an.

Jetzt verlangen die westlichen Regierungen Kriegstüchtigkeit und die evangelische Kirche ist sofort bereit, mit der Friedensdenkschrift 2025 ihre theologischen Grundlagen anzupassen. Schon Luther forderte im Bauernkrieg „wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern […] man soll sie zerschmeißen, würgen, stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund erschlagen muss.“

Die evangelische Kirche möchte am liebsten wider die bösen Russen Gottes Zorn und Feuerstrahl herabbeten, aber die evangelische Synode ist auch mit einem strammen Aufrüstungskurs zufrieden. Sämtliche Friedenspreise der letzten Zeit haben es vorgemacht: Krieg ist Frieden.

Dem will die evangelische Kirche nicht nachstehen: „(Die EKD-Ratsvorsitzende) Fehrs sagte, gerechter Frieden sei mehr als Abwesenheit von Krieg. ‚Es bleibt ein Gebot der Nächstenliebe, dass wir Menschen, die an Leib, Leben und ihrer Würde bedroht sind, nicht schutzlos der Gewalt ausgesetzt lassen.’ Waffenlieferungen dürfen laut Denkschrift nur dem Schutz der Bevölkerung und der Wiederherstellung des Friedens dienen. Ein besonderer Punkt ist die Abwägung zur atomaren Abschreckung. Die Denkschrift ächtet Atomwaffen wie bereits 2007 weiterhin als friedensethisch nicht zu rechtfertigen, erkennt aber an, dass die Drohung mit Atomwaffen einer wirkungsvollen Verteidigung dienen kann.“

Zu Zeiten der Entspannungspolitik gab es noch den Ausspruch Willy Brandts "Der Frieden ist nicht alles, aber alles ist ohne den Frieden nichts." Und Cicero wusste schon: "Ein schlechter Frieden ist besser als ein guter Krieg." Von diesen Erkenntnissen ist die evangelische "Friedens"-Ethik, oder sollte man besser Kriegsethik sagen, meilenweit entfernt.

Geradezu witzig wird es, wenn es in der Pressemitteilung der Synode heißt: „Demokratien seien angewiesen auf mündige Bürgerinnen und Bürger, formuliert das Papier und verweist dabei unter anderem auf Bildung und den Schutz demokratischer Diskurse. An dieser Stelle sieht sie sich als auch selbst in der Pflicht, aufzuklären und Polarisierung entgegenzuwirken.“

Das heißt, hier fordert die Synode die evangelischen Gläubigen auf, „aufzuklären“, also ihre Sicht zur Pflicht von Aufrüstung und Krieg zu verbreiten. Und das soll dann der Polarisierung entgegen wirken.

Wenn man sich überhaupt nicht mit den Ursachen von Krieg beschäftigt, die Rolle der Kriegswirtschaft und der Rüstungskonzerne, die wirtschaftlichen Krisenerscheinungen des Kapitalismus und die Konkurrenzkämpfe der verschiedenen Zentren nicht zur Kenntnis nimmt, und sämtliche Narrative der Kriegspolitiker eins zu eins übernimmt, kann man auch nur zur lammfrommen Befolgung der aktuellen Kriegspolitik kommen. Auf jeden Fall kann man der evangelischen Kirche nicht vorwerfen, sie wäre nicht traditionsbewusst. [jdm]

„Entscheidet Euch!“: Flugschrift gegen Rechtsextremismus – Journalist Hermann Vinke stellt neue Publikation in Gedenkstätte Esterwegen vor

Hermann Vinke, Cover
Hermann Vinke

Unter dem Titel „Entscheidet Euch!“ erscheint am Sonntag, 9. November, im Metropol Verlag Berlin eine Flugschrift, die sich im Vorfeld der fünf Landtagswahlen im nächsten Jahr an Wählerinnen und Wähler in Ost- und Westdeutschland richtet. Nach Ansicht ihres Verfassers Hermann Vinke kann sich bereits 2026 entscheiden, ob Freiheit und Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland noch Bestand haben oder sich das Land in Richtung eines autoritären Staates entwickelt.

Der aus dem emsländischen Rhede stammende Hermann Vinke stellt am Dienstag, 18. November, um 18.30 Uhr seine Publikation mit anschließender Diskussion in der Gedenkstätte Esterwegen vor. Vinke, Journalist und Autor zahlreicher Bücher zum Widerstand im Dritten Reich und zur DDR-Geschichte, macht in der Schrift eine Reihe von Vorschlägen, wie der Vormarsch von Rechtsextremisten und Neonazis gestoppt werden kann. Jungwählerinnen und Jungwähler dürften nicht länger im Netz demokratiefeindlichen Einflüssen ausgesetzt werden, betont der ehemalige ARD-Auslandskorrespondent und frühere Programmdirektor bei Radio Bremen. In ländlichen Regionen müssten „Anker-Personen“ gewonnen werden, um gegen die Unterwanderung ganzer Ortschaften durch Neonazis vorzugehen.

Für die sogenannte „Stille Mitte“ - gemeint sind Wählerschichten, die aus unterschiedlichen Motiven AfD wählen, aber noch nicht zum harten Kern der Partei zählen - nennt die Flugschrift eine Reihe von Überlegungen, wie diese Menschen, die keineswegs allesamt Nazis seien, durch neue Wege der Kommunikation für demokratische Parteien zurückzugewinnen sind.

Vinke vertritt die Auffassung, dass die parlamentarische Demokratie vor ihrer größten Herausforderung seit Kriegsende steht, dass ferner Freiheit und Rechtsstaatlichkeit in ganz Europa in Gefahr geraten, wenn Deutschland sich zu einem autoritären Staat entwickelt. Seine Flugschrift „Entscheidet Euch!“ sieht er in der Tradition von Stéphane Hessel, dem Widerstandskämpfer der Résistance und großen französischen Diplomaten. Hessel brachte 2010 die Streitschrift „Empört Euch!“ und 2011 „Engagiert Euch!“ heraus - Aufrufe, die damals vor allem bei jungen Menschen in Frankreich und Deutschland auf großen Widerhall stießen.

Der Eintritt zur Veranstaltung ist frei. [PM]

Digitalfunkproblem der Bundeswehr zeigt beispielhaft, wie Politik der Rüstung folgt und nicht umgekehrt

Medien berichteten heute darüber, dass die Digitalisierung der Bundeswehr nicht voran komme. Die Rüstungsfirma Rohde & Schwarz ist offensichtlich überfordert, die Geräte-Hardware an die verschiedenen Fahrzeugtypen anzupassen. Die Firma Blackned, eine Tochter des Rüstungs-Shootingstars Rheinmetall, hat offenbar fehlerhafte Software geliefert.

Es geht um die Umrüstung von über 16.000 Fahrzeugen. Dafür wurden wahnsinnige 20.000.000.000 € (= 20 Mrd. € = 20.000 mal 1 Mio. €) ausgegeben. Die Presse und die Politiker skandalisierten angesichts dieser Berichte, dass die arme Bundeswehr wegen des Fehlens der Technik nicht einsatzbereit sein könnte. Nichts ist schlimmer, als wenn Deutschland den nächsten Krieg verpassen könnte.

Der eigentliche Skandal ist jedoch, dass das Geld der Bürger den Rüstungskonzernen geradezu in den Rachen geworfen wird. Mit 20 Mrd. € kann man ein ganzes Land mit Mobilfunk oder Glasfaser ausstatten. Die Rüstungsfirmen müssen sich nicht einmal anstrengen, für das Geld eine Leistung zu erbringen. Statt den ganzen Schrott an die Rüstungsfirmen zurück zu schicken, beauftragt die Bundeswehr jetzt private Beraterfirmen wie Capgemini, PricewaterhouseCoopers (PwC) und MSG Systems, deren Berater Tagessätze von 1200 Euro abrechnen können. Das Ganze soll rund 156,7 Millionen Euro kosten.

Wenn solche Geldsummen im Spiel sind, werden die Lobbyisten der Rüstungsfirmen sich sicher nicht lumpen lassen, wenn Politiker, Journalisten oder hohe Beamte einige Sonderwünsche haben. Die Rüstungsausgaben sind keine Folge der Politik, sondern umgekehrt. Rüstungsausgaben und die Erwartung extremer Profite in dieser Höhe erzeugen eine Politik, die auf Krieg und Konfrontation aufbaut. Das ist der eigentliche Skandal. [jdm]

SPD-Mitglieder gegen Verschärfungen beim Bürgergeld

Auch wenn es nicht zu glauben ist: Es gibt anscheinend immer noch Mitglieder in der SPD, die die Partei nicht ausschließlich als Karriereverein betrachten, sondern noch an die sozialdemokratische Tradition anknüpfen und sozialpolitisch etwas Positives bewegen wollen. 166 Erstunterzeichner haben ein Mitgliederbegehren unter dem Motto "Liebe SPD, bleib stabil!" gegen die Verschärfungen des Bürgergeldes gestartet. Inzwischen haben 2600 Mitglieder das Begehren unterstützt. Auf der Seite "Mitgliederbegehren.org" kann das Begehren unterzeichnet werden.

Konkret fordert das Mitgliederbegehren, dass es keine Verschärfung der Sanktionen beim Bürgergeld geben dürfe. Wer auf Unterstützung angewiesen ist, dürfe nicht in Existenzangst gedrängt werden. Sanktionen, die das Existenzminimum gefährdeten, widersprächen der Menschenwürde.

Das Bürgergeld solle im Gegensatz zu den Planungen der Regierung und der SPD-Führung zu einer existenzsichernden Leistung weiterentwickelt werden durch bessere Unterstützung, Qualifizierung, Coaching und psychosoziale Hilfe. Das Bürgergeld solle eine armutsfeste Grundsicherung darstellen, die Lebensrealitäten anerkenne und Teilhabe ermögliche. Es dürfe keine Wiederauflage der Agenda 2010 geben.

Die aktuellen Debatten rund um vermeintliche „Arbeitsverweigerung“ reproduzierten rechte, sowie neoliberale Narrative und führen zu einer Entsolidarisierung, statt Lösungen für reale Probleme wie den Niedriglohnsektor, Wohnungsmangel oder Bildungsungleichheit zu bieten. Die Diskussion um das Bürgergeld lenke die Diskussion statt auf die Ursachen von Armut auf symbolpolitische Maßnahmen. Maßnahmen wie die Vermögenssteuer oder die Erhöhung der Erbschaftssteuer seien in den Fokus zu nehmen, anstatt populistischen Forderungen nachzugeben.

Im Vorwärts weist ein Artikel darauf hin, dass dieses Begehren nicht den formalen Anforderungen des SPD-Statuts entspricht. Man darf gespannt sein, wie die SPD-Führung diese Meinungsäußerung der Mitglieder abbügeln wird. [jdm]

Macher und Angepasste

Die ich rief, die Geister, Werd’ ich nun nicht los. - Aus “Der Zauberlehrling” von Goethe

In sozialen Netzwerken wird immer wieder und immer öfter über Narzissten Klage geführt. Narzissten in der Partnerschaft, Narzissten in der Firmenführung und Narzissten in der Politik. Psychologen und Coaches melden sich zu Wort und glauben zu wissen, woran man einen Narzissten erkennt und wie man mit ihnen umgeht. Ob Narzissmus eine Krankheit ist oder ein typisches Verhaltensmerkmal der Leistungsgesellschaft, darüber ist man sich in den Wissenschaften bis heute nicht einig. Man umgeht die Ambivalenz und spricht vom „normalen“ und „pathologischen“ Narzissmus. Da diese Unterscheidung immer subjektiv ist, halte ich sie für überflüssig. Wesentlich sind allein angehäufte und immer wiederkehrende Verhaltens-Merkmale der Lieblosigkeit.

Wenn ein sogenannter Macher sie zeigt und der von Angepassten umgeben ist, bekommen wir die oben beklagte Täter/Opfer Konstellation mit so manch schlimmen Ausgang. Wenn beide in ihrem Aufwachsen bedingungslose Liebe erfahren hätten, bestünde die Chance des liebevollen Konflikts, die Essenz einer wahren demokratischen Gemeinschaft. Hier hat die Leistungsgesellschaft versagt. Das ist meine Erfahrung nach 35 Jahren Bundeswehr und über 10 Jahren als Vertretungslehrer und Coach. In kleinen Geschichten habe ich sie in einem Buch gesammelt. Es heißt: Menschenführung – Liebe, La Ola der Vernunft. – Im Folgenden können Sie den Prolog zum Buch lesen. Er ist ein Notruf.

1. Prolog – Notruf -

Kinder, die nicht geliebt werden, werden Erwachsene, die nicht lieben. Pearl S. Buck, US-Amerikanische Schriftstellerin (1892 – 1973)

Alle Jahre wieder ist in Deutschland Einschulungstag. Alle Jahre wieder sind Eltern mit ihren schulpflichtigen Kindern in der Schulaula versammelt und hören von der Schulleitung diesen Satz: Nun beginnt der Ernst des Lebens. Gottseidank wissen die Kinder noch nicht, was sie erwartet. Auch die Eltern, die es aus eigener Erfahrung wissen müssten, überhören die fürchterliche Botschaft dieses Satzes. Sie enthält nämlich die Ankündigung einer Vergewaltigung.

Damit ist nicht die des Strafrechts gemeint, sondern die, die Seele von Kindern misshandelt. Psychologen sprechen von einer weichen Vergewaltigung. Kinder werden in die Welt als Freie hineingeboren. Sie lieben bedingungslos und kennen nichts anderes, als bedingungslos geliebt zu werden. Schon im Vorschulalter werden sie dann „eingebrochen“. Sie werden zum Objekt von Regeln und Ordnung und der Notwendigkeiten, die das Leben ihrer Eltern in der Leistungsgesellschaft bestimmen. Diese weiche Vergewaltigung findet in der Schule seine Fortsetzung. Das natürliche Lernen über Lust und Neugier wird stranguliert. Sie lernen, dass Regeln und Ordnung einhalten das Maß für positive Zuwendung ist. Die kann man steigern, wenn sie sich der Dressur des Lehrens hingeben und leisten. Viele Kinder kommen da unbeschadet durch.

Trotz der systembedingten Vergewaltigungen gibt es Erwachsene im Elternhaus und in der Schule, die den Kindern die Liebe geben, die sie auffängt und mitmachen lässt. Andere haben nicht das Glück und verweigern die Anpassung, werden zu Störern. Die ersteren werden es in ihrem Weg in die Gesellschaft leichter haben. Die letzteren beißen die Hunde, wenn sie nicht irgendwann doch noch die Kurve zur Anpassung bekommen. Was beide vereint ist das, was sie gelernt haben. Wer die Macht hat, hat recht, und Wertschätzung (Liebe) bekommst Du, wenn Du Dich anpasst und leistest. Die kleinen Geschichten aus meinem Alltag als Vertretungslehrer erzählen davon. Sie mögen subjektive Einzelaufnahmen sein. Ein immer wiederkehrendes Verhalten von Erwachsenen in der Gesellschaft bestätigen sie. Hier passt das Zitat der amerikanische Schriftstellerin Pearl S. Buck.

„Kinder, die nicht geliebt werden, werden Erwachsene, die nicht lieben“.

Der Weg dorthin ist geprägt durch Selbstrettungsversuche. Ein Kind, das aus der Geborgenheit bedingungsloser Liebe herausgefallen ist, leidet. Das wissen wir nicht zuletzt aus der Hirnforschung. Einige werden krank und brauchen psychiatrische Hilfe. Das Gros entwickelt unbewusst Strategien, um sich zu stabilisieren. Die einen geben diese Lieblosigkeit weiter. Sie wollen beherrschen, sind ohne Empathie und behandeln andere als Objekt. Die extreme Form eines solchen Verhaltens nennt man Narzissmus. Andere akzeptieren für sich die durch den Liebesentzug empfundene Wertlosigkeit. Sie passen sich an, erdulden und machen sogar bei den schlimmsten Untaten pro-aktiv mit. Sie sind das ideale Volk für Narzissten. Autoritäre Systeme wie das der Nazis oder das in der DDR funktionierten auf der Wechselbeziehung dieser beiden Typen. Aber auch unsere Demokratie ist vor ihnen nicht gefeit.

Die Auseinandersetzungen um die großen Themen unserer Zeit (wie Corona, Klima und Krieg) zeigen im Verhalten von Verantwortlichen immer wieder narzisstische Züge. Das Gleiche gilt für den Zustimmungsgeist bei Medien und in weiten Teilen der Bevölkerung. Auch der ist von Selbsterhöhung und Empathielosigkeit geprägt. Sie können darüber in diesem Buch lesen. Was alle verbindet, ist der Aberglaube, dass Wahrnehmung etwas mit Wahrheit zu tun hätte, dass Wissenschaften sowie Leistung und Fleiß alle unsere Probleme lösen könnten und dass Demokratie ein Synonym für Moral und Recht sei. Dieser Aberglaube hat bisher Millionen von Menschen Leben und Existenz gekostet oder unglücklich gemacht, und es wird so weiter gehen, ist zu befürchten, es sei denn, wir vertrauen auf Liebe, die bedingungslos ist. Wenn das gelingt, kann aus Aberglauben Gewissheit werden. Wir sollten es wagen, allein schon unserer Kinder wegen.

Sie fragen, wie das im Alltag gehen soll mit der bedingungslosen Liebe? – Das werden Sie für sich herausfinden müssen. Nur so viel. Sie ist in jedem Menschen vorhanden. Deswegen heißt es bei uns ja auch „Menschenführung“. In einer Human-Gesellschaft sollte man Menschen und sich selbst nur durch Liebe führen können. Die Gesellschaft, das sind Sie und ich und die anderen. Wenn jeder sich ab und zu daran erinnern würde, bedingungslos zu lieben, wir würden unsere Welt zum Besseren verändern. Die kleinen Geschichten in diesem Buch sollen dazu Gedankenanstöße sein. [Ulrich Scholz, erstveröffentlicht auf Ulrichs Newsletter]

„Arbeit macht frei“ – Eine gefährliche Kontinuität

Ein CDU-Kommunalpolitiker aus Seevetal (Niedersachsen), Marco Walczak, schrieb auf Facebook unter einem Beitrag der Linken den Satz „Arbeit macht frei“ – eine bekannte NS-Parole aus Konzentrationslagern. Nach massiver Kritik löschte er den Kommentar, entschuldigte sich und trat als CDU-Ortsvorsitzender zurück. Die CDU verurteilte den Vorfall scharf, erteilte ihm einen Verweis und untersagte ihm politische Posts in sozialen Medien. Walczak behält aber seine Ratsmandate.

Nicht zum ersten Mal wurde die NS-Devise „Arbeit macht frei“ in der Öffentlichkeit zitiert – und wieder führte sie zum Eklat. Offenbar hat sich die nationalsozialistische Arbeitsauffassung bis heute einer ernsthaften Aufarbeitung entzogen. Vielen Menschen erscheint die Formel als ideologiefrei, als harmlose Aufforderung zum Fleiß – bestenfalls als ein vom Nationalsozialismus missbrauchter Spruch.

Wie kann das sein? Es gelingt, weil der Nationalsozialismus und seine Ideologie noch immer als etwas betrachtet werden, das plötzlich über die Gesellschaft kam und genauso plötzlich wieder verschwand. So können selbst bürgerliche Politiker bekannte NS-Devisen verwenden, ohne den historischen Bezug zu erkennen.

Pikant ist dabei: Das aktuelle Beispiel betrifft ausgerechnet das Bürgergeld – also ein Thema, das eng mit unserer heutigen Arbeitsauffassung verknüpft ist. Denn auch heute lässt sich eine Kontinuität des Denkens kaum leugnen. Bürgergeldempfänger werden pauschal als faul und unwillig diffamiert, als Menschen, die „nichts leisten“ und sich damit außerhalb der Gemeinschaft stellen. Schon im Nationalsozialismus war der Wert eines Menschen an seine Arbeitsfähigkeit und seinen Beitrag zur „Volksgemeinschaft“ geknüpft. Wer nicht in das Bild des „fleißigen Volksgenossen“ passte, galt als „arbeitsscheu“ oder „asozial“ – mit verheerenden Folgen.

Erschreckend ist, dass der Stolz auf den eigenen Fleiß und die Parole „Arbeit macht frei“ bis heute in Teilen der Gesellschaft unreflektiert fortwirken – als vermeintliche Tugend, ohne die menschenverachtende Ideologie dahinter zu hinterfragen. [Joop Deters]

Der nächste Friedenspreis – der nächste Kriegstreiber

Es wurde wieder ein Friedenspreis vergeben – diesmal vom Börsenverein des deutschen Buchhandels. Und wie es sich mittlerweile gehört, wurde zielgenau ein Kriegstreiber gefunden, der sich über die 25.000 € Preisgeld freuen kann.

„Sie bringen uns bei, dass Landesverteidigung nichts mit Militarismus zu tun hat. Soldaten, und erst recht Soldatinnen werden geachtet, weil alle wissen, dass sie ihre Pflicht tun und wozu sie bereit sind…. Sie zeigen uns, dass dem Aggressor entgegenzukommen nur dessen Appetit auf noch mehr steigert und dass Appeasement nicht zum Frieden führt, sondern den Weg in den Krieg ebnet. Weil sie an vorderster Front stehen, wissen sie mehr als wir im noch sicheren Hinterland. Weil sie einem überlegenen Feind ausgeliefert sind, müssen sie schneller und intelligenter sein als er. … Uns Europäern bleibt, so unwahrscheinlich es klingen mag: Von der Ukraine lernen, heißt furchtlos und tapfer sein, vielleicht auch siegen lernen.“

Seine Dankesrede nutzte Karl Schlögel in der Paulskirche, um Russland und Putin zur Verkörperung des Bösen zu erklären, mit dem man nicht verhandeln darf, weil das Böse nicht verhandeln will. Die Vorgeschichte des Ukrainekriegs lässt er vollkommen außen vor. Die Aufrüstung der Ukraine zu einem Frontstaat der Nato und der Putsch gegen die gewählte Regierung durch einen von den USA konzertierten Gewaltrausch scheint in seiner Rede nur in seiner Verherrlichung dieses Putsches durch: „Es bedurfte der Maidan-Revolution und eines Krieges, um die Ukraine endgültig aus dem Abseits einer engen westzentrierten Wahrnehmung herauszuholen. Sie hörte auf, terra incognita, ein weißer Fleck, zu sein.“

Schlögel war von 1972 bis 1980 in maoistischen Gruppen aktiv und rechtfertigte als solcher auch das Pol Pot-Regime in Kambodscha. Nach Auflösung dieser Gruppen konzentrierte er sich darauf, seinen Antisowjetismus und Antikommunismus bürgerlicher auszudrücken. Seine Zeit als Maoist wurde von ihm und zwei weiteren Ex-Maoisten (einer später Professor, der andere zuletzt Chefredakteur des Capital) in einem Buch aufgearbeitet, in dem sie plötzlich auch die nationale Frage wiederentdeckten. Damit schuf er sich Zugang zu staatlichen Töpfen und den großen Zeitungen des Landes, wie FAZ oder Die Zeit. Fortan galt er als Osteuropa-„Experte“. Und als solcher tritt er dafür ein, den Krieg gegen Russland, gegen das Böse, mit allen Mitteln zu führen. Das ist einen Friedenspreis wert. [jdm]

Friedensnobelpreisträgerin Machado steht für Putsche, Sanktionen und Militärintervention in Venezuela

Ein Artikel auf "america21" ist überschrieben mit "Wenn María Corina Machado den Friedensnobelpreis erhält, hat "Frieden" seine Bedeutung verloren - Kein Friedenssymbol. Sie steht für Putsche, Sanktionen und Militärintervention in Venezuela"

Das norwegische Friedensnobelpreis Komitee hat schon mehrfach Kriegstreiber und Mörder zu Friedensnobelpreisträgern gekürt, wie z. B. Henry Kissinger oder Barack Obama, der für Tausende von ferngesteuerten Morden per Drohnen verantwortlich war. Oder es hat auch die Europäische Union ausgerechnet zu einer Zeit ausgezeichnet, als sie anfing, sich auch zu einem Militärbündnis zu entwickeln. Das Komitee hat mit Vorliebe Personen gekürt, die im Kampf gegen Gegner des politischen Westens stehen, egal ob sie etwas für den Frieden getan haben oder nicht.

Warum ist die Autorin Michelle Ellner auf america21 der Auffassung, dass Machado nicht für einen Friedenspreis geeignet ist? Weil Machado maßgeblich an dem Staatsstreich von 2002 beteiligt war, durch den ein demokratisch gewählter Präsident kurzzeitig gestürzt wurde. Sie unterzeichnete das Carmona-Dekret, das die Verfassung außer Kraft setzte und über Nacht alle öffentlichen Institutionen auflöste. Sie arbeitete Hand in Hand mit Washington, um einen Regimewechsel zu rechtfertigen, und nutzte ihren Einfluss, um eine ausländische Militärintervention für die "Befreiung" Venezuelas mit Gewalt zu fordern.

Sie bejubelte Donald Trumps Invasionsdrohungen und seine Marineeinsätze in der Karibik, eine Machtdemonstration, die unter dem Vorwand der "Bekämpfung des Drogenhandels" einen regionalen Krieg auslösen könnte. Sie drängte auf die US-Sanktionen, die die Wirtschaft strangulieren, obwohl sie genau wusste, wer den Preis dafür zahlen würde: die Armen, die Kranken, die Arbeiterklasse.

Sie half beim Aufbau der sogenannten "Übergangsregierung", einer von Washington unterstützten Marionettenregierung unter einem selbsternannten "Präsidenten", der Venezuelas Auslandsvermögen plünderte, während die Kinder im Land hungerten. Jetzt will sie das Öl, das Wasser und die Infrastruktur des Landes an private Unternehmen übergeben. Dasselbe Rezept machte Lateinamerika in den neunziger Jahren zum Laboratorium neoliberaler Misere.

Machado gehörte zu den politischen Köpfen hinter La Salida, der Oppositionskampagne von 2014, die zu eskalierenden Protesten einschließlich der sogenannten Guarimba-Taktiken aufrief. Dazu gehörten organisierte Barrikaden, die das Land lahmlegen und den Sturz der Regierung erzwingen sollten. Straßen wurden mit brennendem Müll und Stacheldraht blockiert, Busse mit Arbeiter:innen wurden in Brand gesteckt, und Menschen, die verdächtigt wurden, Chavist:innen zu sein, wurden geschlagen oder getötet. Sogar Krankenwagen und Ärzt:innen wurden angegriffen. [jdm/america21]

Seminar Widerstand trotz Verfolgung vom 21. bis 23. November

Flyer Seminar "Widerstand trotz Verfolgung ab 1933" vom 21. bis 23. November

Viele der Häftlinge, die im Emsland inhaftiert wurden, waren politische, religiöse oder ideologische Gegner des Nationalsozialismus. Ihr Widerstand sollte sowohl durch “Schutzhaft” als auch durch Verurteilungen, beispielsweise wegen “Vorbereitung zum Hochverrat”, unterbunden oder gar gebrochen werden. Dennoch gab es zwischen 1933 und 1945 Menschen und Gruppen, die sich gegen die Nationalsozialisten und ihre menschenverachtende Politik stellten.

Auch innerhalb der nationalsozialistischen Zwangslager leisteten die Gefangenen und Häftlinge Widerstand in verschiedener Weise: von Zeichen gegenseitiger Solidarität im Geheimen bis zum offenen Widerstand gegen die Wachmannschaften, über verbotene Gesprächsthemen bis zu künstlerischen Akten, wie dem Singen oder bildender Kunst, entstand die ganze Bandbreite menschlichen Handelns gegen Unterdrückung. Welche Form von Widerstand möglich war, hing von den Bedingungen von Verfolgung und Haft ab.

Nach 1945 entwickelten sich in den Nachfolgestaaten ganz unterschiedliche Erinnerungspolitiken an den Widerstand. Die Historisch-ökologische Bildungsstätte möchte in Zsammenarbeit mit dem Dokumentations und Informationszentrum Emslandlager in einem Seminar "Widerstand trotz Verfolgung ab 1933" vom 21. bis 23. November in der Historisch- Ökologischen Bildungsstätte in Papenburg auf eine Auswahl dieser Widerstandsformen seit 1933 eingehen und fragen, was Widerstand gegen den Nationalsozialismus ausmachte. In Vorträgen und Workshops soll dabei auch über die Erinnerung an Handlungen des Widerstands diskutiert werden. Mehr Infos zum Ablauf und zur Anmeldung im Flyer. [PM DIZ]