Eine Geschichte über persönliche Niederlagen und dem Ukrainekrieg

Zweifel

Der Redakteur einer Online-Zeitung (gemeint ist Hallo-Wippingen.de, jdm) , der ab und zu Beiträge von mir veröffentlicht, tat sich schwer mit meinem letzten Beitrag, einem Gedicht mit dem Titel „Das Glühwürmchen“. Er gestand, dass er schon immer Schwierigkeiten mit Gedichtsinterpretationen hatte. Mit seinem Eingeständnis ist er nicht allein. Wer erinnert sich nicht an seine Schulzeit, in der im Fach Deutsch Gedichtsinterpretationen oder im Fach Kunst Bildinterpretationen abverlangt wurden. In der Regel war diese Aufgabe immer mit dem Satz überschrieben: Was will der Künstler uns sagen? – Die Antworten waren vorfabriziert. Es galt, die Biografien der Künstler und die Zeitgeschichte, in der sie ihre Kunstwerke angefertigt hatten, in ihnen wiederzuerkennen. Da viele Schüler zu beiden Kriterien wenig Zugang hatten, weil sie sie nicht interessieren und die „richtigen“ Antworten auf die Frage obendrein benotet wurden, also mit Zwang verbunden waren, sank das Interesse und damit das Lernen gegen Null.

Eigentlich müsste die Aufgabenstellung lauten: Was sagt Dir das Gedicht oder das Bild? – Damit besteht die Chance, dass eigene innere Bilder angesprochen werden, die beim Interpretieren Bestätigung finden aber auch durch Verknüpfen zu neuen Bildern führen können. – Lernen pur! – Nehmen sie das klassische Zitat aus Goethes Faust.

Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor;

Bestätigt nicht Faust das, was viele Schüler sich in ihrer Aversion gegen Schule fragen? Warum muss ich das alles wissen? Die Standardantworten der Leistungsgesellschaft kennen sie. Faust ist ihnen mit viel Erfolg gefolgt, und trotzdem stellt er am Ende fest, dass er so klug ist als wie zuvor. Er bezeichnet sich als einen armen Tor (altes deutsches Wort für Dummen/ Einfältigen). Der Deutschlehrer könnte jetzt fragen, ob die Erkenntnis von Faust ein Argument gegen Schule, Wissensaneignung und Fleiß sei. Bei aller Aversion gegen Schule werden die meisten das verneinen. Sie können Form und Inhalt wohl unterscheiden. Bleibt die letzte entscheidende Frage, warum Faust sich trotz seiner Bildungskarriere als armen Tor bezeichnet.

Der Schlüssel zur Beantwortung dieser Frage liegt in der Schülerfrage “Warum muss ich das alles wissen?“. Sie zweifeln. Faust ist voller Zweifel. Wer zweifelt, der stellt Fragen. Die Antworten, die einen weiterbringen, wird man im Außen nicht finden, sondern nur bei sich selbst. Warum hat mein Partner mich verlassen? – Warum ist Putin in die Ukraine einmarschiert? – Kann Krieg wirklich ein probates Mittel der Außenpolitik sein? – Ist militärische Abschreckung ein Garant für Frieden? – Selbstzweifel sind in der Psychotherapie ein wichtiger erster Schritt, um zu einem inneren Frieden zu kommen. In der Politik gelten sie als Schwäche. Auf der Strecke bleibt die Menschlichkeit. An meiner Interpretation des „Glühwürmchens“ soll das deutlich werden.

Der Protagonist in meinem Gedicht folgt seinem Glühwürmchen, das ihm durch sein Leuchten die Erfüllung seines Lebenstraumes verheißt. Ein glückliches Leben in Familie mit seinem geliebten Partner. Als es verlöscht, bekommt er Angst und sucht nach einem neuen Glühwürmchen. Es zeigt sich ihm, und er läuft ihm nach. Auch das verlischt irgendwann. Am Ende sitzt er einsam am dunklen Wald-Weiher und verzweifelt. Würde er das Verzweifeln durch Selbstzweifel ersetzen, käme er auf die Weisen der Menschlichkeit. Liebe, Verzeihen, Toleranz und Demut, die er in seinen Partnerschaften hatte vermissen lassen. Sie hätten vielleicht das Ende der Partnerschaften nicht verhindert aber sicherlich nicht das Verlöschen des Glühwürmchens. Das Gegenteil der Weisen von Menschlichkeit sind Angst, Unnachgiebigkeit, Intoleranz und Selbsterhöhung.

Die Politik des Westens gegenüber Russland im Ukrainekonflikt ist ein Klassiker dieser Unmenschlichkeit. Die Unfähigkeit zum Selbstzweifel im politischen und militärischen Handeln hat nicht nur zu den Unmenschlichkeiten eines Krieges geführt, sondern die Völker Europas in wirtschaftliche Not gestürzt. Es gibt kompetente Warner vor dieser Politik, wie Frau Krone Schmalz und der Philosoph David Precht, die immer wieder Menschlichkeit ermahnen. Sie kommen „brav“ in Talkshows zu Wort, ihre Botschaft bleibt unverhallt, so scheint es. Das Leuchten des Glühwürmchens der verantwortlichen Politiker, Moral und Recht, ist schon längst erloschen. Man sitzt am dunklen Weiher und wärmt sich am Feuer des Krieges. Damit das nicht ausgeht, rüstet man und droht. Die Nato hat Russland inzwischen zu einer Langzeitbedrohung erklärt. Das ist das Ende unseres Glühwürmchens, das uns leuchtet. Sein Name ist Menschlichkeit. Ohne Selbstzweifel wird es nie wieder leuchten.

Auf der Suche nach einem Beweis, dass es den Menschen wirklich gibt und nicht nur eine Einbildung des Hirns ist, ist der französische Philosoph Descarte fündig geworden. Er kommt in seinem berühmten Satz zum Ausdruck: Cogito ergo sum. Ich denke, also bin ich. Nun bedeutet das lateinische Verb cogitare nicht nur denken, sondern auch zweifeln. Unser Glühwürmchen könnte Beweis unser Existenz sein, wenn wir das Descarte-Zitat entsprechend übersetzen würden: Ich zweifle, also bin ich. Im Zweifel würde sich unsere Existenz offenbaren und die heißt Menschlichkeit. [Ulrich Scholz, erstveröffentlicht auf Ulrichs Newsletter]