Softskills kann man lernen, christliches Verhalten ist unsere Natur oder nicht?

  • Softskills als Ersatz für Nächstenliebe

Vor einigen Jahren fand bei Airbus in Hamburg-Finkenwerder eine Veranstaltung statt, auf der verschiedene Redner aus Wirtschaft, Bildung und Politik den Wechsel in der Ingenieursausbildung vom alten Diplomsystem zum Bachelor/Masterstudium als gelungen preisten. Eine Kritik wurde laut. Wegen der kürzeren Ausbildungszeit verstärkt durch den Wegfall der Wehrpflicht würden fertige Ingenieure einige Jahre jünger als bisher in den Arbeitsprozess der Wirtschaft eintreten. Das ginge im Vergleich zum alten System zu Lasten von Lebenserfahrung, die bei der Arbeit im Team unerlässlich ist. Der Kritiker hatte auch gleich eine Lösung parat. Man habe in den neuen Studiengang ein Pflichtsemester „Soft Skills“ eingeführt. Alle waren zufrieden. Das Beispiel weist auf eine Symptomatik in unserer Leistungsgesellschaft. Abläufe in der Wirtschaft müssen vorhersagbar sein. Durch den Einsatz von Maschinen und digitaler Prozess-Steuerung ist man dahingehend sehr effektiv geworden. Der einzige Störer im System der Vorhersagbarkeit ist der Mensch. Der ist nach wie vor Hirn und Herz einer Organisation. Wenn trotz stimmiger Prozesse und gut ausgebildeter Menschen kein Umsatz gemacht wird und die Kunden ausbleiben, war früher der Reflex, einen Schuldigen zu suchen und diesen zu entfernen. Seitdem die Systemtheorie im Management Eingang gefunden hat, ist man davon abgegangen und fokussiert auf Beziehungen. Soziologie und Psychologie haben dafür Kriterien aufgestellt. Dazu gehören Empathie, die Fähigkeit, sich in Gedanken und Gefühle eines anderen hineinversetzen zu können und emotionale Intelligenz, die Fähigkeit, bei Konflikten harmonisierend zu kommunizieren und zu agieren. Unter dem Schlagwort „Softskills“ bemüht man sich inzwischen in allen Bereichen der Gesellschaft, in denen Menschen leisten sollen, um Beziehungsfähigkeit. In Studiengängen sind sie Pflicht, aus Führungscoachings sind sie nicht wegzudenken, Personalentwickler der Firmen organisieren entsprechende Seminare für die Mitarbeiter, und es werden Psychologen eingestellt, die darauf achten, dass Beziehungsfähigkeit funktioniert. Alle diese Maßnahmen sind wichtig. Nicht zuletzt ermöglichen sie dem einzelnen eine Rückbesinnung auf menschliche Eigenschaften, deren Wesen Bedingungslosigkeit ist. Nächstenliebe. Ich stehe zu Dir. Toleranz. Du darfst sein, wie Du bist. Demut. Auch ich bin fehlerhaft und kann irren. Rückbesinnung deswegen, weil sie eigentlich bekannt sind. Unser Gemeinwesen basiert auf der christliche Botschaft, der sie entnommen sind. Sie ist beim Organisieren der Leistungsgesellschaft vielerorts verschütt gegangen. Man könnte sagen, dass die Idee des Christentums – bedingungslose Liebe – verschütt gegangen ist. Ein Diskurs.

  • Das Christentum zwischen Botschaft und Macht

Vom Philosophen Nietzsche stammen die Worte: „Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!“ – Damit beschreibt er den Verlust des christlichen Gottes als feste Grundlage für Moral, Sinn und Wahrheit in der modernen Welt. Das Zitat sollte in Bezug zu unserem Thema anders lauten. Nicht der christliche Gott ging verloren, sondern die christliche Botschaft, Liebe.

Nach dem Kreuzigungstod von Jesus Christus wurde sie von seinen Jüngern in der damaligen römischen Welt verbreitet. Nach vielen grausamen Verfolgungen hatte der römische Kaiser Theodosius I. 380 n. Chr. das Christentum zur Staatsreligion erklärt. Die Glaubensgemeinschaft etablierte sich unter dem Papst zu einer weltlichen Organisation, die unter Berufung auf Gott nach absoluter Macht strebte. Kreuzzüge, Inquisition, Religionskriege und koloniale Eroberungsfeldzüge waren die Folgen. In der modernen Welt spielt die Macht der Kirche keine Rolle mehr. Kirchenmänner und Frauen und unzählige Gläubige engagieren sich täglich weltweit im Sinne der universellen Botschaft. Und auch in den Organisationen der Gesellschaft ist christliches Verhalten jenseits alle Softskills-Programme lebendig. Das hat seinen Grund.

  • Christliches Verhalten ist überall gegenwärtig

Softskills lassen sich vortrefflich durch Ausbildungen, Vorträge und Seminare vermitteln. Nächstenliebe, Toleranz und Demut muss man erfahren, um sie zu verinnerlichen. Im Elternhaus und im Kindergarten machen Kinder die erste Erfahrung, die einen mehr, die anderen weniger. Mit dem Eintritt in die Schule lernen sie die Pflichten in einer Leistungsgesellschaft. Als deren Fraktal ist sie auf Leistung, Zielerreichung und disziplinierte Abläufe fokussiert. Trotz dieser straff organisierten Umgebung schaffen es gute Lehrer immer wieder, christliches Verhalten an den Tag zu legen. Bei Verstößen gegen die Schuldisziplin vermeiden sie das Strafen und Predigen, zeigen Verständnis und nehmen die Störer in den Arm (bildlich gesprochen). Die anderen nehmen das wahr. Kommt noch eine interessante Unterrichtsgestaltung dazu, kann man spätestens mit Ende der Pubertät (9. Klasse) eine Wirkung feststellen. Die Kinder kommen gern in ihren Unterricht, zeigen Neugier und halten sich weitestgehend an die Schuldisziplin. Auch im Alltag der Gesellschaft, der durch staatliche Organisationen sehr verregelt ist, begegnet einem immer wieder christliches Verhalten von Systemträgern, wie folgendes Beispiel zeigt. Als junger Soldat hatte mein Sohn auf der Rückfahrt von seiner Freundin an seinen Standort gegen Mitternacht einen Verkehrsunfall auf der Autobahn. Der berüchtigte Sekundenschlaf. Die Leitplanke war verbogen, und das Auto war Schrott. Der Unfall aufnehmende Polizeibeamte fragte ihn, was passiert sei. Die Antwort meines Sohnes: Ich bin eingeschlafen. Die Antwort des Beamten: Das habe ich nicht gehört. Du bist vom Gegenverkehr geblendet worden. Sie werden Ihre eigene Beispiele für christliches Verhalten haben. Es gibt aber auch negative Beispiele, die vornehmlich politisches Verhalten betreffen. Die sind besonders schwerwiegend, weil sie suggerieren, dass unsere gewählten Politiker weder Softskills kennen noch zu christlichem Verhalten fähig sind.

  • Politiker, die Unbelehrbaren

Unter dem Deckmantel, die Demokratie schützen zu wollen, versucht man seit Jahren, die AfD mundtot zu machen. Abgesehen von ewig gestrigen in dieser Partei, deren Geschwafel sich von selbst abschießt, gibt es eine Reihe von gebildeten Menschen, die vernünftig argumentieren und den Finger in die Wunde der Fehler legen, die von den etablierten Parteien in der Vergangenheit gemacht wurden. Die Arschlöcher sind immer gleich verteilt, sagte einst Lisa Fitz. Anstatt den Diskurs mit diesen Menschen und ihren Wählern zu suchen und die eigenen Fehler anzuschauen, was demokratisch wäre, werden sie persönlich diffamiert. In der Außenpolitik geht man sogar so weit, dass man Krieg und Rüstung das Wort redet und sein entsprechendes Handeln mit Moral und Recht begründet. Wenn sie Herrn Putin als Störer des internationalen Systems zu einer Langzeit- Bedrohung erklären, sind sie es auch. Sie haben nicht nur bei den Verhandlungen mit den Russen vor dem Einmarsch in die Ukraine Softskills erkennen lassen, sondern berufen sich auf christliche Werte, um noch mehr Öl ins Feuer des Krieges zu gießen. Diese Heuchelei erinnert an die Selbsterhöhung der Kirche des Mittelalters. Vor diesem Hintergrund kann einem angst und bange werden, wenn es um die Zukunft unserer Gesellschaft geht. Die Politiker, die sich so verhalten, die Medien, die sie transportieren und Menschen, die ihr Tun gutheißen, sind nämlich alle Kinder unserer Gesellschaft. Da schließt sich der Kreis zu unserem Thema. Können wir wirklich nicht besser? [Ulrich Scholz/ erstveröffentlicht auf Ulrichs Newsletter]