Über die Heuchelei beim Kindeswohl
Krankheit ist die normale Reaktion, an der Norm zu zweifeln. – Alexander Muschg
Der heutige Beitrag von Ulrich Scholz ist kein politischer Beitrag, sondern ein persönlicher Bericht eines Betroffenen über den Umgang von Behörden und Gerichten mit Menschen, die von einer psychiatrischen Erkrankung betroffen sind. Psychische Erkrankungen sind – wie jede Erkrankung – sehr individuell. Kein Beinbruch gleicht dem anderen, keine Manie, Depression oder Psychose kann einfach dadurch, dass die Krankheit einen Namen bekommen hat, verstanden werden.
Dennoch maßen sich viele Helfer der verschiedenen Berufe an, alles zu verstehen. Dabei bleiben dann die „normalen“ Gefühle, wie Liebe, Sehnsucht nach Geborgenheit oder solidarisches Verhalten auf der Strecke. Begriffe wie Fremdgefährdung, Eigengefährdung oder Kindeswohl, verstellen den Blick auf das, was gebraucht wird, um die Menschenwürde der Erkrankten und der Angehörigen zu sichern. Davon erzählt Scholz in seinem Bericht. [jdm]
- Wenn man einer Mutter die Kinder wegnimmt
Wenn man in Uganda einer Geiss das Zicklein wegnimmt, dann schreit die tagelang, dass es im ganzen Dorf zu hören ist. Ein afrikanischer Freund erzählte mir davon, nachdem ich ihm die Geschichte von meiner Frau erzählt hatte. Die hatte monatelang geschrien, als man ihr ihre 4 Mädchen (6-14 Jahre alt) weggenommen hatte. Ihr Schreien äußerte sich in Verhaltensweisen, die man als Symptome einer Manie auslegte. Schlaflosigkeit, Verzweiflung, unendliche Traurigkeit, Alkohol, Aggression gegen Sachen, Laute Musik bis nach Mitternacht, Verfolgungswahn und in der Folge der körperliche Zusammenbruch. Ein schlimmer Bandscheibenvorfall und Allergien. Da stellt sich die Frage: Wer ist MAN? – Die Hüter des Wohles der Kinder in unserem Staat. Die Verantwortlichen von Jugendamt, Familienhilfe und Familiengericht.
- Jede Krankheit hat ihre Geschichte
Auf die Schiene gesetzt wurden sie durch den leiblichen Vater und dessen Anwältin. Ersterer hatte schon einige Jahre vorher für Eheprobleme seine Frau verantwortlich gemacht und sie mit dem KO-Vorwurf, sie ist manisch, stigmatisiert. Mit Unterstützung des Jugendamtes wurde sie damals zu einem Psychiatrie-Aufenthalt unter der Einnahme von Psychopharmaka genötigt. Wenn sie sich einer Behandlung verweigert, würde man ihr die Kinder wegnehmen, war die Pistole, die man ihr auf die Brust gesetzt hatte. Für meine Frau stand fest. Der Mann will ihr die Kinder wegnehmen. Nach der Behandlung hat sie sich von ihm getrennt. Wir haben uns kennengelernt und geheiratet. Sie hat die Einnahme von Tabletten mit Zustimmung des behandelnden Psychiaters abgesetzt. Für sie und ihre Kinder begann ein normales bürgerliches Leben.
- Ein liebevolles Familienleben, Garant für ein gesundes Leben
Meine Frau ist erblich bedingt manisch, hypo-manisch*. Ihre „Verrücktheit“ zeigte sich in liebenswerten Formen. Ihre „Großartigkeit“ bewies sie in einer die Kinder prägenden endlosen Kreativität. Spielen, Tägliches Singen, Basteln, gemeinsames Kochen, abendliches Vorlesen und beispielhaften soziales Verhalten hatten Mutter und Kinder zu einer eingeschworen Gemeinschaft gemacht. Ich durfte ein Teil davon sein. Wenn wir die Zwillinge morgens zum Kindegarten fuhren, haben wir im Auto zu ihrer Lieblingsmusik gesungen. „Ohne Dich“ von der Münchner Freiheit war das Lieblingslied. Sie kannten den Text auswendig. Wir sind in den Ferien nach Hamburg gefahren. „König der Löwen“. Mutter und Kinder und auch ich waren in einem Märchen. Am Ende des Urlaubs war ich aus beruflichen Gründen in Hamburg geblieben, und meine Frau ist mir ihren Kindern in dem gemieteten Kleinbus zurück nach Hause gefahren.
*hypo-manisch = Zustand von dauerhafter leicht gehobener Stimmung und gesteigertem Antrieb. Es handelt sich um eine abgeschwächte Form der Manie. Im Gegensatz zur schweren Manie bleiben Betroffene voll handlungsfähig und der Zustand führt nicht zu sozialer oder beruflicher Funktionsunfähigkeit.
- Die Diagnose erzeugt die Krankheit
Wegen einer Lappalie hat dann irgendwann der leibliche Vater seinen Gerichtsgang angetreten und mit dem Argument „Manie“ den Umgang der Kinder mit der Mutter (Wechselmodell) gestoppt. Die Katastrophe nahm ihren Lauf. Für meine Frau wurden ihre Befürchtungen bestätigt. Der Vater will ihr die Kinder nehmen. Die Hüter des Kindeswohls setzten alle ihre Machtmittel ein, um die Argumentation des Vaters zu bestätigen. Anwaltsschreiben, Gerichtsverhandlungen, Gutachtertermine und begleiteter Umgang hatten nur ein Ziel. Die Mutter in die Psychiatrie zu bewegen und einer Tabletteneinstellung zuzustimmen. Das Wohl der Kinder interessierte niemanden. Ihr Verhalten in dieser Zeit wurde als bestätigte Diagnose gewertet, und die erzeugt bekanntlich die Krankheit. Zwei Beispiele.
- Die Normalen sind die Kranken
Der begleitet Umgang bestand darin, dass einmal pro Woche die Mutter mit jeweils zwei Kindern in Räumen des Jugendamtes unter Aufsicht einer jungen Sozialarbeiterin für eine Stunde spielen durfte. Bei einem dieser Termine, zu denen ich meine Frau gefahren hatte, brachte ich meinen Border Collie Welpen mit. Seit Monaten hatten sich die Kinder auf den Welpen gefreut. Der Vater hatte mich ultimativ aufgefordert, auf keinen Fall den kleinen Hund zum Umgang mitzubringen. Als er uns auf dem Parkplatz mit dem Welpen sah, hat er nicht gehalten und ist weitergefahren. Über WhatsApp hat er sich bei der Begleitung beschwert und den Umgang verweigert. Die junge Dame vom Jugendamt hat daraufhin meiner Frau gegenüber ihren Unmut geäußert, dass sie sich dem Geist des begleiteten Umgangs verweigere. Die ist explodiert, und es fielen unschöne Worte. Zu Ehrenrettung der jungen Begleitperson sei gesagt, dass sie den Vater dazu bewegt hat, die 6jährigen Zwillinge an einem Hinterausgang des Jugendamtes aussteigen zu lassen. Die sind natürlich über den Haupteingang auf den Parkplatz gestürmt, und es gab eine herzliche Begegnung zwischen Kindern und Welpen. Meine Intervention beim Familiengericht hat dazu geführt, dass der begleitete Umgang bei uns zuhause stattfinden sollte. Den hat meine Frau verweigert. Liebevolles Zusammensein mit ihren Kindern im Beisein von gefühlosen Amtspersonen, insbesondere in ihrem gemeinsamen Zuhause, sei eine Farce.
- Operation gelungen, Patient tot
Ich habe meine Frau in ihrer Haltung bestätigt. Bei dem KO-Termin des Familiengerichts, zu dem ich großzügigerweise zugelassen war, habe ich meine Haltung begründet. Wenn sie das Wohl der Kinder meinen, dann gehört auch dazu, dass sie die gewachsene Liebesbeziehung zwischen Mutter und Kindern und nicht zuletzt das glückliche Familienleben, das sie in den letzten Jahren hatten, berücksichtigen. Ich wurde von der Anwältin des Vaters belehrt, dass ich als Angeheirateter keine Rechte in diesem Fall hätte. KO-Termin deswegen, weil die Richterin dem Antrag des Vaters gefolgt ist. Aussetzung des Umgangs, bis die Mutter eine psychiatrischen Behandlung zustimmt. Die dramatischen Ausführungen des Gerichts hatten bei meiner Frau unsägliche Rückenschmerzen ausgelöst. Sie hatte sich im Gerichtssaal auf den Rücken gelegt, um durch Streck- und Dehnübungen ihren Schmerzen her zu werden. In den Blicken der Anwesenden, des Vaters, der Richterin, der Anwältinnen und der Vertreterin des Jugendamtes, sah ich Mitleid für eine manie-kranke Frau, die eine Behandlung verweigert. Die Sitzung wurde geschlossen. Für meine Frau und ihre Kinder ist sie nie geschlossen. Die Kinder wurden krank. Eine Tochter hat inzwischen mehrere Aufenthalte in der Psychiatrie hinter sich und lebt in einem Internat. Ein Zwilling ist an Diabetes erkrankt. Die Mutter ist ab und zu traurig. Sie hat sich in die Großartigkeit einer Manie geflüchtet.
- Selbsthilfe braucht die liebevolle Hilfe der Gemeinschaft
Ein Fernstudium der Philosophie in Hagen, das sie während der Corona-Lockdowns begonnen und über 5 Semester mit summa cum laude absolviert hatte, hat meine Frau abgebrochen. Sie wartet auf den Beginn eines prominenten Lebens in einer neuen Welt (nicht in Deutschland, das ihr so viel Leid angetan hat). Den Alltag bekommt sie gut hin. Sie forscht über Anthropologie, Ernährung, schreibt Kochbücher, publiziert im Internet und ist jnzwischen kerngesund. Ich begleite sie dabei, so gut ich kann. Meine übermächtigen Gegner sind wieder Vertreter der Rechts- und Sozialsysteme, die der Gesellschaft dienen sollen und dabei immer wieder unser höchstes Gut vergessen. Die Würde des Menschen. Jeder tut wieder einmal nur seine Pflicht. Eine unendliche Geschichte. [Ulrich Scholz/erstveröffentlicht auf Ulrichs Newsletter]

