Wenn Worte zu Bildern werden und Kinder zum Lernen begeistern

  • Ohne Begeisterung gibt es kein Lernen

Seit geraumer Zeit liest man immer wieder Nachrichten aus skandinavischen Ländern, die darüber berichten, dass man die Gestaltung des Schulunterrichts ändern will. Man ist zu der Überzeugung gelangt, dass die Digitalisierung des Unterrichts beim Lernen eher hinderlich sei und will wieder zurück zu Büchern, Papier und Bleistift. Besonnene Stimmen weisen zurecht daraufhin, dass die Wahl der Lehrmittel nicht ausschließlich sein darf. Für den Lehrer gilt zu entscheiden. Wann ist es besser auf Computer, Laptops, das Internet und Lernprogramme zurückzugreifen, und wann sollte man Bücher lesen und Aufgaben handschriftlich anfertigen lassen? – Mit der „richtigen“ Antwort ist es wie bei den Führungsstilen. Soll man einfach anordnen, soll man eine Vorgehensweise diskutieren oder soll man die Schüler einfach machen lassen? – Es kommt darauf an. Die für unser Schulsystem typische Diskussion darüber lässt eines außer Acht. Gleichgültig, welches Lehrmittel als das „Richtige“ befunden wird, gilt es für einen Lehrer zuallererst, den Kindern Lust auf das anstehende Thema zu machen. Denn ohne sie wird Lernen sehr schnell zu einer für Kinder ekeligen Dressur. An zwei Beispielen soll eine altbewährte Methode vorgestellt werden, mit der man Kinder begeistern kann. – Geschichten erzählen. –

  • Mogli – Der beste Reiseführer durch Indien

Im Geografie-Unterricht einer 7. Klasse ist „Indien“ das Thema. Im Erdkundebuch wird das Land anhand von Überschriften wie Bevölkerung, Geschichte, Klima, Flora und Fauna u.a. in zusammengefasster Textform vorgestellt. Am Ende des Kapitels stehen Fragen, die die Schüler unter Nutzung des Buches in schriftlicher Form beantworten sollen. Wie die Erfahrung zeigt, ist die Begeisterung für diese Arbeit nicht sehr groß. Das Thema interessiert sie nicht, und mit der Hand schreiben mögen sie schon gar nicht. Da taucht dann sehr schnell die Frage auf, warum sie das machen sollen. Die typischen Lehrer-Antworten sind dann autoritär und töten jede Motivation, sich mit dem Thema beschäftigen zu wollen. „Weil ich das sage“ oder „weil es in der nächsten Klassenarbeit drankommt“. Eine solche Situation stand mir in einer 7. Klasse Gymnasium bevor. – Zur Einführung hatte ich „das Dschungelbuch“ von Rudyard Kippling mitgebracht und las den Kindern die Geschichte von Rikki-Tikki-Tavi vor. Sie handelt von einem Mungo, der in Indien zum Schutz gegen Giftschlangen in Haushalten gehalten wird. Rikkis Aufgabe bestand darin, die Kinder des britischen Haushaltes vor einem Kobrapaar zu beschützen, das in Haus und Garten Schrecken verbreitete. In der Handlung tötet der Mungo beide Schlangen in einem wilden Kampf und vernichtet deren Brut. Für die Schüler, die das Dschungelbuch nur in der süßen Disney-Version kannten, war es ein ganz neue Erfahrung. Dass ich ihnen auch einen Youtube Clip über Mungos und Kobras gezeigt habe, war selbstverständlich. Sie wollten noch mehr Geschichten aus dem Kipplingbuch hören. Ich habe es ihnen versprochen. Die Tür zu Indien und ihrem Erdkundebuch wurde weit aufgestoßen. Sie begannen, zu verstehen und selbstständig zu denken. Geschichten, die sie berührt hatten, waren der Türöffner. Es waren keine passiven Animationserlebnisse auf dem Handy, sondern innere Bilder, die durch das Erzählen oder dem Vorlesen von Geschichten in ihnen aufgeblüht waren. Man könnte sie Fantasie nennen.

  • Die Bremer Stadtmusikanten – der Beginn einer Reise

Diese wichtige Entwicklung des menschlichen Hirns beginnt schon im Kindergartenalter. Eltern wissen darum, vor Allem, wenn Ihnen selbst als Kinder vor dem Einschlafen vorgelesen wurde. Leider ist dieses Ritual immer mehr eingeschlafen. Stattdessen bedient man sich digitaler Krücken, um Kinder aus der Welt des Tages in den Schlaf zu befördern. Ein Clip mit ihren digitalen Helden auf dem Laptop sind die idealen Sandmännchen. Wir haben sie in meiner Familie auch benutzt. Trotzdem haben wir immer wieder auch vorgelesen. Nicht zuletzt verlangten die Kinder danach. Als ich einmal wieder an der Reihe war, habe ich ihnen die Geschichte von den Bremer Stadtmusikanten erzählt. Ich konnte Märchen erzählen, ohne sie vorzulesen, weil ich in meiner Jugend alle gängigen Märchenbücher immer wieder gelesen hatte. Die Zwillinge, damals 5 Jahre alt, hingen an meinen Lippen, wenn ich mit verstellter Stimme die Helden der Gechichte sprechen ließ. – Beim nächsten Mal war meine Frau wieder der Geschichtenerzähler. Die Zwillinge bestanden auf die Bremer Stadtmusikanten. Als es zum Happy-End kam, geschah das Unausweichliche. Im Buch heißt es: Nachdem die Räuber aus ihrem Haus vertrieben wurden, beschlossen die Tiere, in dem Räuberhaus zu bleiben und lebten dort bis zu ihrem Ende. Protest von den Kindern. Das stimmt nicht. Sie sind nach Bremen weitergezogen, wo sie herzlich aufgenommen wurden und als Musikanten bis zu ihrem Ende bleiben durften. Das war meine Version, die ich ihnen als Bremer erzählt hatte. Das Ende der Buchgeschichte hatten sie kategorisch abgelehnt. Meine Version fand später ihre Bestätigung.

Bei einem Besuch in Bremen hatte ich ihnen das Denkmal der Stadtmusikanten gleich neben dem Rathaus gezeigt. Kommentar des einen Zwilling: Siehste Mama, sie waren doch hier. Die Moral von der Geschicht. Erzählte Geschichten schlagen jedes Buch. Das bezieht sich nicht auf die Richtigkeit von Inhalten, sondern allein auf die Begeisterung, die ein begeisteter Erzähler bei ihnen auslöst. In diesem Sinne werden wir weder mit Digitaltrechnik noch mit Bücher lesen und handschriftlichen Ausarbeitungen klügere Kinder bekommen. Es reichen erwachsene Bezugspersonen wie Eltern, Großeltern und Lehrer, die davon beseelt sind, Kindern Geschichten zu erzählen. Lernen könnte ein Selbstläufer werden, den es nur noch zu moderieren gilt. – Könnte! – Der Konjunktiv ist auch hier, wie bei allen Vorhersagen menschlichen Verhaltens, angebracht. Es kann gelingen, muss aber nicht. Ein Versuch ist Kindern Geschichten erzählen, um sie zu begeistern, allemal wert. Er ist ein Zeichen von Liebe, und davon können sie nicht genug bekommen. [Ulrich Scholz/erstveröffentlicht auf Ulrichs Newsletter]