The Blaming Game
Irgendjemand muss ja schuld sein
„Das ist ein Waffenstillstand für 20 Jahre“, sagte verbittert der französische General Marschall Foch, als er vom Versailler Friedensvertrag hörte, der Deutschland als alleinigen Schuldigen am 1. Weltkrieg bestrafte.
- Wie man mit Liebe Konflikte löst
Mütter kennen sicherlich die Situation. Ein friedliches Spiel im Kinderzimmer eskaliert in Aggression. Lautes Poltern begleitet von Schreien und Weinen machen sofortiges Eingreifen notwendig. Beim Bemühen zu schlichten, beginnt das Blaming Game. Der hat angefangen! Die kluge Mutter weiß, dass es müßig ist, einen Schuldigen ausmachen zu wollen. Mit dem gütlichen Satz „vertragt euch“, wird sie mit diplomatischem Geschick eine Ablenkung anbieten, die das Interesse aller weckt und das Konfliktthema und die eigenen Schmerzen vergessen lässt. Man könnte diese Art der Konfliktlösung als Urform aller Konfliktlösungen ansehen. Wenn nicht das Blaming Game wäre.
- Einer muss ja schuld sein
Bei kleinen Kindern funktioniert diese Form der Konfliktlösung fast immer. Sie funktioniert, weil die verantwortliche Aufsichtsperson von Liebe beseelt ist, der es wichtig ist, dass es allen gut geht. Auf das Blaming Game eingehen bedeutet nämlich, den Konflikt noch weiter zu befeuern. Kindern in einem Konflikt das Prinzip Recht/Unrecht und gutes sozialen Verhalten zu predigen, tragen erzieherisch wohlgemeinte Ratschläge in sich. Dabei vergisst man, dass Ratschläge auch Schläge sind, die als solche empfunden werden. Der Reflex ist Verteidigung, bei der immer wieder Angriff als das beste Mittel gesehen wird. Man rechtfertigt sich, in dem man den anderen beschuldigt. Verstärkt wird dieses Verhalten noch, wenn ein Sanktionierungssystem wie in der Schule das Predigen fortschreibt. Es gilt, einen Schuldigen zu finden, der dann über sogenannte erzieherische Maßnahmen zur Einsicht gebracht werden soll. Ein Beispiel:
- Der Schuldigen gibt es viele
Eines Morgens zu Schulbeginn fanden die Schüler einer 9. Klasse ihren Klassenraum vollgesprüht mit Graffiti-Farben vor. Auch die Toiletten waren in einem ähnlichen Zustand. Die Schulleitung war empört und setzte alles daran, die Täter zu finden. Die Schüler wurden vernommen. Trotz aller Predigten und Ermahnungen blieb die Befragung ohne Ergebnis. Dann startete die Leiterin ihren letzten Versuch. In einem Showdown erklärte sie den Schülern, dass die Täter bekannt seien. Sie würde der Klasse eine letzte Chance geben, ihre Haltung zu dieser kriminellen Tat unter Beweis zu stellen, in dem sie Namen nennen. Sie hatte Eindruck gemacht. In folgenden Einzelbefragungen wurde ein Name genannt. Damit konfrontiert gestand der Täter, ein ruhiger, fleißiger und unauffälliger Junge. Die Klasse war in Aufruhr. Sie alle wussten, wer der Täter war. Dass einige von ihnen geplaudert hatten, löste bei den anderen Empörung aus. Die Eltern des Jungen wurden einbestellt und für den entstandenen Schaden in Regress genommen. Später in einem persönlichen Einzelgespräch mit dem Klassenlehrer offenbarte die Mutter eine mögliche Ursache des Verhalten ihres Sohnes. Der Vater sei sehr dominant. Bei gemeinsamen Mahlzeiten hätte der das Wort geführt und den halbwüchsigen Sohn mundtot gemacht, wenn der es wagte, eine andere Meinung zu haben. Das immer wiederkehrende Reizthema waren Graffiti-Sprühereien an den Einfamilienhäusern der Wohnstraße. Der Vater wollte eine Bürgerwehr aufstellen, die nach Einbruch der Dunkelheit das Wohngebiet patrouillieren sollte. Der Junge, das Thema Bürgerwehr leid, hatte gewagt zu fragen, warum man so etwas tut, das Eigentum anderer mit Graffiti zu besprühen. Er wurde niedergemacht. –
- Das Blaming Game, ein Gesellschaftsspiel
Man könnte jetzt das Blaming Game fortführen und fragen, wer ist schuld, dass der Junge ausgerastet ist. Der dominante Vater, die Mutter, die den Vater hat gewähren lassen oder ein oppressives Schulsystem, dem der Schüler jeden Tag ausgesetzt war, eigentlich alle Schüler jeden Tag mehr oder weniger ausgesetzt sind. Das Vorgehen der Schulleitung zeigt, dass das Blaming Game viele Facetten hat und ziemlich sicher prägend auf das zukünftige Verhalten der Heranwachsenden im späteren Leben wirkt. Man könnte zum Beispiel das Argument führen, dass die immer wieder beklagte mangelnde Fehlerkultur in der Gesellschaft seine Ursache in der Angst hat, Opfer eines Blaming Games zu werden. – Die Lösung des Problems wäre, einfach keine Blaming Games mehr zu spielen. Die kann aber nur nachhaltig wirken, wenn man begreift, dass bestimmte Konflikte auf der Sachebene nicht zu lösen sind. Da hilft nur noch die Hinwendung zu der stärksten Kraft, mit der man andere bewegen kann. Es ist die Kraft, die in menschlicher Beziehungen schlummert. Eine kleine Handlungsanweisung soll am folgenden Modell deutlich werden.
- In der Theorie wissen wir, wie es geht
Das Modell stammt von dem Hamburger Kommunikationswissenschaftler Friedemann Schulz von Thun und wird seit vielen Jahren an Universitäten, Schulen und in Weiterbildungen der Wirtschaft gelehrt. Bekannt ist es unter dem Titel Vier Seiten einer Nachricht.
Die für meine kleine Handlungsanweisung wichtigen Kernaussagen sind:
Jede Nachricht läuft beim Senden und Empfangen immer über diese 4 Kanäle und
auf welchem Kanal die Nachricht ankommt, entscheidet der Empfänger. Ein Beispiel aus dem Leben. –
Der Mann sitzt mit Freunden im Wohnzimmer und schaut ein Fußballspiel. In einer Pause geht er zu seiner Frau, die in der Küche sitzt und sagt: Liebling das Bier ist alle. Sie antwortet: Ich bin nicht Dein Lakai. – Konflikt! –
Was wurde gesendet? – Auf der blauen Seite war es eine Information. Auf der roten Seite schwang die Aufforderung, zum Kiosk zu gehen. Auf der gelben Seite war es Kritik an seiner Frau, keine gute Hausfrau zu sein. Auf der grünen Seite offenbarte er Faulheit, Feigheit und Rücksichtslosigkeit – Was wurde empfangen? – Kommentar überflüssig. –
Wie hätte der Mann den Konflikt vermeiden können? – Er hätte seine Frau auf der gelben Seite ansprechen und sich für die Bereitstellung von Bier und Chips bedanken können. Auf der grünen Seite hätte er seine Unachtsamkeit bei der Vorbereitung des Fußballabends eingestehen können, um sie dann auf der roten Seite freundlich zu bitten, zum Kiosk für mehr Bier zu gehen.
- Was Hänschen nicht lernt …
Die Erfahrung zeigt, dass gerade auch in der verkopften Welt von Wirtschaft und Politik auf der blauen und roten Seite kommuniziert wird. Da sind Konflikte vorprogrammiert, die schnell in ein Blaming Game eskalieren. Die Auseinandersetzung um eine Lösung im Ukrainekonflikt ist dahingehend ein Klassiker. Auf der blauen Seite spielt man das Blaming Game, um auf der roten durch militärische Gewalt seine Forderungen durchzusetzen. Wer an einer friedlichen Lösung des Konflikts interessiert ist, hat nur eine Chance, wenn er gelb und grün ins Spiel bringt. Das bedeutet im Klartext: Verständnis für die andere Seite zeigen (gelb) und das eigene Handeln in Frage stellen (grün). Wenn dieses Denken bei den Konfliktparteien keinen Eingang findet, ist zu befürchten, dass sich die bittere Erfahrung, die der französische General Marschall Foch nach dem Versailler Friedensschluss geäußert hat, wiederholt. Bleibt die Frage, ob die Unfähigkeit der Politiker, gelb und grün zu gehen, etwas mit der Sozialisation in der Gesellschaft zu tun hat. Die Vermutung liegt nahe. [Ulrich Scholz/erstveröffentlicht auf Ulrichs Newsletter]


