Greenpeace-Studie weist militärische Überlegenheit der Nato ohne USA gegenüber Russland nach
Eine neue Greenpeace-Studie zeigt: Die Nato-Staaten sind Russland auch ohne die USA in wesentlichen militärischen Kategorien überlegen. Die Studie soll zwar untermauern, dass eine reale Bedrohung nicht besteht, macht sich aber seltsamerweise viele Gedanken darüber, dass die Nato das Rüstungsgeld zu wenig effektiv ausgibt.
Für die wahnsinnige Aufrüstung Deutschlands, die unseren Sozialstaat in den Grundfesten erschüttert, muss allein die angebliche Bedrohung durch Russland herhalten. Neueste Umfragen zeigen, dass die deutsche Bevölkerung mehrheitlich nicht mehr an diese Bedrohung glaubt. Bild am Sonntag hatte berichtet, dass nur 38 Prozent der Befragten besorgt sind, dass »Russland uns bald militärisch attackieren könnte«. Die Hälfte der Befragten hatte »gar keine Angst mehr vor einem russischen Angriff«.
Die Greenpeace-Studie zeigt auf, dass die europäischen Staaten plus Kanada im vergangenen Jahrzehnt nach Angaben der Nato 3.785 Milliarden (knapp 3,8 Billionen) US-Dollar für ihre Streitkräfte ausgegeben haben. Auch ohne die USA bleibt die Nato finanziell überlegen. 2025 investierten die europäischen Nato-Staaten und Kanada zusammen rund 626 Milliarden US-Dollar in ihre Rüstungsindustrie, Russland dagegen etwa 190 Milliarden US-Dollar. Selbst kaufkraftbereinigt bleibt Russland unter den europäischen Verteidigungsausgaben.
Die Studie vergleicht acht Waffensysteme: Kampfpanzer, Gepanzerte Fahrzeuge, Artillerie, Kampfhubschrauber, Kriegsschiffe, U-Boote, Kampfflugzeuge und strategische Bomber. In fünf der acht Waffenkategorien übertrifft die Nato Russland mindestens dreifach. Beispielsweise verfügen alle Nato-Staaten gemeinsam über 5.270 Kampfflugzeuge (hierunter 2.215 in Europa und Kanada), wohingegen Russland nur 1.064 besitzt. Bei der Artillerie ist das Verhältnis ebenso etwa 3:1 zu Gunsten der europäischen Nato-Staaten plus Kanada, bei Kriegsschiffen 4:1. Zudem hat Russland in vielen Waffenbereichen einen erheblichen technologischen Rückstand auf die Nato, der kaum innerhalb eines Jahrzehnts aufzuholen ist.
Auch bei der Truppenstärke liegt die Nato mit insgesamt etwa 3,3 Millionen aktiven Soldat:innen vorn. Hinzu kommt ein großes Reservoir an Reservist:innen. Im Vergleich dazu hat Russland eine Personalstärke von 1,264 Millionen aktive Soldat:innen. Trotz verschiedener Rekrutierungsrunden Russlands für den Krieg gegen die Ukraine ist die Zahl der aktiven Soldat:innen zuletzt nur um rund 100.000 gestiegen.
Nur bei den Atomwaffen herrscht zwischen Nato (mit den Nuklearstreitkräften der USA) und Russland ein nukleares Patt. Die drei Nato-Nuklearwaffenstaaten verfügen über 3700 (plus 1342 ausgemusterte) Atomsprengköpfe der USA, 290 Stück in Frankreich und 225 Stück in Großbritannien. Russland verfügt über 4400 (plus 1150 ausgemusterte) Atomsprengköpfe. Russland ist damit quantitativ den beiden europäischen Nuklearmächten weit überlegen. Die Atomwaffen bleiben das größte russische Faustpfand. Allerdings bleibt die alte Regel des nuklearen Patts bestehen: Wer Atomwaffen einsetzt, muss mit einem Zweitschlag und mit der eigenen Vernichtung rechnen. Die Zweitschlagskapazität ist durch die U-Boot-gestützten Atomwaffen Frankreichs und Großbritanniens gegeben.
Vollkommen absurd sind die Schlussfolgerungen der Greenpeace-Autoren. Nachdem sie überzeugend nachgewiesen haben, dass der Stand der Rüstung eine reale Bedrohung durch Russland nicht hergibt, werden in den acht der neun Schlussfolgerungen Vorschläge gemacht, wie die EU-Rüstungsetats effizienter eingesetzt werden können, wie die Rüstungsindustrie unterstützt und geschützt werden kann. Auch wird weiter von der „Bedrohung durch Russland“ gesprochen, obwohl die Studie gerade diese als nicht existent nachweist. Offensichtlich trauen sich auch diese Autoren nicht mehr, dem offiziellen Nato-Narrativ entgegen zu treten und fühlen sich genötigt, die westliche Rüstungspolitik zu optimieren.
Auch in dem einen Punkt, in der die EU als Friedensmacht daran erinnert wird, sie habe in der Vergangenheit besonderen Wert auf Diplomatie, nicht-militärische Lösungen und die Einhaltung des Völkerrechts gelegt, wird von „der aktuellen Bedrohungslage“ gesprochen, die nicht daran hindern sollte, friedenspolitische Ansätze beizubehalten.
Özlem Alev Demirel, außen- und friedenspolitische Sprecherin von Die Linke im Europaparlament, erklärte dazu: „Die Greenpeace-Studie zeigt einmal mehr: Die NATO ist sowohl mit als auch ohne die USA Russland militärisch überlegen. Das entzieht dem wichtigsten Argument der europäischen Aufrüstung jegliche Grundlage.“
Die Studie mache deutlich, dass das pauschal festgelegte 5%-Ziel der NATO zur Aufrüstung weder finanzpolitisch noch militärisch irgendeinen Sinn ergibt. Die zugrundeliegende Entwicklung der Wirtschaftsleistung habe rein gar nichts mit einer wie auch immer gearteten Analyse der Bedrohung durch Russland zu tun. Das Prozentziel ist damit ein reines Propagandainstrument, mit dem Druck auf die Staatshaushalte und vor allem auf die Sozialausgaben erzeugt werden soll.
Diese Aufrüstungsspirale gegen die Interessen der Menschen in Europa müsse endlich gestoppt werden. Die Fakten belegten, dass die EU-Aufrüstungsagenda in Wirklichkeit nicht der eigenen Verteidigung diene, sondern der Kriegstüchtigkeit. In einer Zeit der geopolitischen Spannungen und der Neuordnung der Welt, wolle Europa eigene Vormachtansprüche militärisch absichern können. Dafür nehme man eine gefährliche Aufrüstungs- und Eskalationsspirale in Kauf. Das sei reine Militarisierungspolitik, aber sicher keine Sicherheitsagenda. [jdm]
