Jörg Meinke

Der Sprecher der Deutsch-Niederländischen Initiative 8. Mai, Jörg Meinke eröffnete die Gedenkveranstaltung zum Tag der Befreiung, dem 8. Mai, auf der Begräbnisstätte Esterwegen, mit der Mitteilung, dass der Landkreis Emsland für diese Veranstaltung wieder die Auflage gemacht habe, es sei verboten, sich politisch zu äußern. Dabei sei allein die Tatsache, dass man sich hier versammele, schon eine hochpolitische Äußerung. Man gedenke hier des Kriegsendes 1945 und gleichzeitig liefen in Deutschland die Kriegsvorbereitungen auf Hochtouren.

Mit der Wehrpflicht sollten junge Menschen in die Armee gezwungen werden. Die Mehrheit von ihnen wende sich dagegen. Der Schulstreik gegen die Wehrpflicht am 8. Mai 2026 sei ein hoffnungsvolles Zeichen. Die GEW Niedersachsen solidarisiere sich aktiv mit den Streikenden und warne vor einer Militarisierung der Bildungseinrichtungen. Dies widerspreche der UN-Kinderrechtskonvention, die die Rekrutierung von Minderjährigen verbiete.

Dass die USA die Mittelstreckenraketen jetzt nicht stationiere, gebe etwas Zeit, weiter dagegen zu mobilisieren. in Deutschland schreite die Militarisierung aller Bereiche voran. So seien Krankenhäuser jetzt verpflichtet, vorranging verwundete Soldaten zu behandeln. Auch die Denkschrift der EKD und das „Ökumenische Rahmenkonzept Seelsorge und Akutintervention im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall“ gemeinsam mit der Katholischen Kirche zeigten ihre Bereitschaft, in den Krieg einzutreten.

Bert Gedenk

Der erste Redner, den Meinke vorstellte, Bert Gedenk aus Emden, war viele Jahre lang Friedensbeauftragter der Evangelisch-reformierten Kirche. Seine Rede setzte sich damit auseinander, dass in offiziellen Gedenkveranstaltungen der Opfer des 2. Weltkriegs und des Naziterrors gedacht werde, aber diese nur instrumentalisiert würden. Für ihn habe sich als junger Mensch die Frage aufgedrängt, wie er sich denn selbst damals verhalten hätte. Sich mit Selbstsicherheit und Moralismus dazu zu äußern, komme nicht in Frage. Aber zu den Verbrechen aus Pietät zu schweigen, komme auch nicht in Frage, weil man damit den Menschenverachtern und Kriegstreibern die Deutungshoheit überlasse. Sich die Leiden und die Wahrheit der Opfer vergegenwärtigen, bedeute doch alles dafür zu tun, dass sich Gleiches und Ähnliches nicht wiederhole.

„Denn wer den Schrei der Opfer nicht hört und erhört, ist praktisch dazu verflucht, die Gräueltaten der Geschichte zu wiederholen, persönlich und als Gesellschaft, um dann heute nicht nur Millionen, sondern Milliarden von Menschen zu zerstören, wenn nicht sogar das wunderbare Antlitz dieser Erde.“ Auf diesem Weg sei man aber gerade. Die Atommächte und die Nato-Staaten weigerten sich noch immer, den Internationalen Atomwaffenverbotsvertrag zu unterschreiben.

Die Teilnehmer legten an den Steinen auf dem Gräberfeld Nelken nieder

Die Verhöhnung der Opfer erfolge nicht nur von Rechtsaußen, sondern auch aus der Mitte der offiziellen Erinnerungskultur, die im Ritual feierlich vollzogen werde, aber unser Handeln nicht befruchte und das Unrecht von Damals wiederhole. Symptomatisch für diese Bigotterie stehe für ihn die Offizielle Gedenkstunde an die Opfer des Holocaust am 29. Januar 2025 im Bundestag. Sogar mit einem Zeitzeugen habe man an die Befreiung von Ausschwitz 80 Jahre zuvor erinnert und im Anschluss an diese Gedenkstunde, mit den Stimmen des bürgerlichen Lagers und der AFD einen Antrag für eine deutlich verschärfte Migrationspolitik beschlossen. All die Verfolgten und Vertriebenen der Nazikultur, die an den europäischen Grenzen auf ihrer Flucht abgewiesen wurden, hätten gefragt: „Habt Ihr denn wirklich gar nichts aus unserer Geschichte gelernt?“

Nie wieder Faschismus und Nie wieder Krieg seien die zwei Seiten derselben Medaille. Was würden die Opfer wohl sagen, wenn sie hörten, dass ausgerechnet die deutsche Bundesregierung unser ganzes Land wieder „kriegstüchtig“ macht? Dazu gegen das ausdrückliche Friedensgebot unseres Grundgesetzes.

Jan Evert Veldmann
Evert Jan Veldmann

Auch der zweite Redner des Tages, Evert Jan Veldman, ist als Pastor tätig. Als Pfarrer der protestantischen Kirche in Groningen stellte er seine auf Niederländisch gehaltene Rede unter das Motto „Diejenigen, die nicht an Wunder glauben, sind keine Realisten,“ einem Zitat von David Ben-Gurion.

„Ich glaube an Geschichten, an Nähe zueinander und an Wunder. Geschichten, Nähe und Wunder, durch die sich ein Riss zieht.“ Veldmann erzählte von einem jüdischen Ehepaar, dass in den Niederlanden auf der Flucht vor den Nazis, sein neugeborenes Kind einer Frau aus dem Widerstand übergab. Das Kind wurde von der Familie seines Großvaters aufgenommen und als eigenes Kind ausgegeben. Dies habe funktioniert, weil auch das Dorf mit gemacht habe. Gleichzeitig habe er erlebt, dass seine Mutter sich drastisch antisemitisch geäußert habe. Auch die Kinder im Dorf hätten den Jungen bei Auseinandersetzungen als „dreckigen Juden“ beschimpft. Es gab also gleichzeitig die Liebe und Fürsorge für den jüdischen Jungen und gleichzeitig den Antisemitismus. Dies sei widersprüchlich – ein Riss – aber nur erklärbar, durch die Nähe zu dem Kind. Diese Nähe entstehe, „wenn soziale Gegegenheiten gleichzeitig einschränkend und beschützend sind, manchmal so gerade eben stark genug“, um zu verhindern dass alle Juden in den Niederlanden den Nazis ausgeliefert wurden.

Die DGB-Region legte am Ossietzky-Gedenkstein einen Kranz nieder

Die Geschichten der Rechtsradikalen, welche uns Ruhe, Reinheit und Regelmäßigkeit versprechen, kennen keine Brüche. Wir bräuchten Räume, um Nähe mit allen Brüchen zu erfahren, in denen niemand den Raum für sich beansprucht, wo andere Meinungen nicht mundtot gemacht werden, sondern Erfahrungen geteilt werden.

In seiner Schlussmoderation erklärte Meinke die Solidarität mit allen, die durch staatliche Repression in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt werden. Das beginne bei der Aberkennung von Gemeinnützigkeit z. B. gegen die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes. Debanking sei auch eine Methode gegen die Friedensbewegung und Antifaschisten vorzugehen. So wurden der Roten Hilfe ihre Konten gekündigt. Und nicht zuletzt wurden verschiedenen Journalisten durch die Sanktionen der EU alle Rechte geraubt.

Wolfgang Neiweiser
Wolfgang Neiweiser an der Gitarre

Der Antifaschismus sei in den USA und Ungarn offiziell verboten; in den Niederlanden wird derzeit ein Verbot diskutiert.

Wolfgang Neiweiser aus Aurich spielte auf der Gitarre und sang mit einer klaren angenehmen Stimme einige Lieder der Friedensbewegung, wie Der Deserteur von Boris Vian, Soldat Soldat von Wolf Biermann, Sag mir, wo die Blumen sind von Pete Seeger. [jdm]