Man kann jedes Volk für Krieg gewinnen, wenn man es nur dumm hält

  • Hysterische Gewissheiten
Blick durch die Lupe
Ulrich Scholz

Wir werden täglich mit unzähligen Nachrichten ausgesuchter Ereignisse bombardiert. Journalisten, Experten und unzählige Interessierte tragen mit Informationen und Einschätzungen bei, um sich und der Öffentlichkeit die Gewissheit zu geben, dass die Dinge so sind, wie sie sie darstellen. Ob das alles so stimmt und Einschätzungn gerechtfertigt sind, kann nur derjenige abschätzen, der fundiertes Insiderwissen hat und ganzheiitliches Denken gelernt hat. Ein klassisches Ereignis dafür ist der Absturz eines Verkehrsflugzeuges. Nur wenige Minuten nach der ersten Meldung, meistens begleitet von Amateurfilmaufnahmen, beginnt allseits das Spekulieren über Ursachen. Man will Gewissheit schaffen. Man stellt die Sicherheit des Flugzeugtyps in Frage, die Qaulität der Wartung so wie Ausbildung und Erfahrungsstand der Besatzung. Es werden sogar Managementfehler in der Führung des Unternehmens ausgemacht. Nur Insider wissen, dass es nach einem solchen Unfall keine Gewissheit geben kann und sind frustriert und sogar erbost über die unverantwortliche Informationshysterie.

  • Manipulierte Gewissheiten

Eine besonders verwerfliche Form der Gewissheitsbefriedigung von Menschen ist der gezielte Einsatz von Information, die der Durchsetzung eigener Interessen dienen soll. Sie ist deswegen besonders verwerflich, wenn sie Angst als Hebel benutzt. Während der Corona-Krise war sicherlich Angst der große Gewissheitsfüller. Ob sie von der Regierung oder ihren Kritikern absichtsvoll eingesetzt wurde, sei dahingestellt. Sicher ist, dass eine besonnene Diskussion in der Bevölkerung über das, was ist und was zu tun sei, durch Angst verhindert wurde. Ähnlich wie bei dem Beispiel des Flugzeugabsturzes haben die Medien und unzählige “Experten” in den sozialen Netzwerken dazu beigetragen, dass Angst die Gewissheiten der Menschen bedient und verstärkt haben. Nun ist Corona an der Informationsfront inzwischen “gestorben”. Eine andere Geissel der Menschheit ist in den Mittelpunkt getreten. Krieg.

  • Gefährliche Gewissheiten

Anders als bei der Pandemie wissen wir aus der leidvollen Geschichte Europas, was Krieg bedeutet. Nach zwei Weltkriegen und unzähligen “kleinen Kriegen” während des Kalten Krieges und danach mit Millionen von Opfern sollte man meinen, dass die Angst vor Krieg ausreicht, um dieser Form von Konfliktaustragung endlich abzusagen. Dem ist nicht so. Man ist auf die archaische Sichtweise des “Gut/Böse” zurückgefallen. Der Informationsmarkt konzentriert sich auf Waffen, Rüstung und Strategien. Krieg als ein großes Spiel der digitalen Unterhaltungsindustrie. Während des Vietnamkrieges sind noch Millionen von Menschen auf die Straße gegangen, um gegen Krieg zu demonstrieren. Heute ist er fester Bestandteil der Unterhaltungswelt geworden. Talkshows, soziale Netzwerke- und ja – auch Nachrichtensendungen, wie die von ARD und ZDF, bedienen sie. Man vermittelt den Menschen die Gewissheit, dass Krieg, Abschreckung und Rüstung notwendig seien, um sich vor dem bösen Putin zu schützen. Das eigene “Gut-Sein” wird immer wieder beschworen, um Kritiker mundtot zu machen. Was fehlt, ist eine grundsätzliche Aufklärung über Krieg als Mittel zur Erreichung politischer Ziele. Dazu gehört Aufklärung, die auf folgende Fragen Antworten geben muss. Was sind die Ziele? Was die Erfolgskriterien? – Und weiter. Sind Frieden und Sicherheit in Europa mit Krieg, Abschreckung und Rüstung erreichbar? – Wer als pensionierter Profi, der in allen Ebenen des Krieges (taktisch, operativ und strategisch) jahrelang national und bei der NATO ausgebildet wurde, tätig war und gelehrt hat, für den muss die momentale Informationskultur im Ukraine-Krieg wie eine große Vernebelungs-Kampagne wirken. Es scheint, dass die Menschen wegen irgendwelcher Interessen dumm gehalten werden sollen. Vor dem Hintergrund, dass das Wohlergehen der Völker der Ukraine, Deutschlands, Europas und auch Russlands auf dem Spiel stehen, sind Krieg und Megarüstung unverantwortlich. Willi Brandt wusste das. Man scheint ihn vergessen zu haben. Die folgenden Ausführungen sollen dazu beitragen, den Nebel ein bisschen zu lüften.

  • Amerikanische Gewissheiten

Der US amerikanische Politikwissenschaftler Edward A. Smith von der RAND-Cooperation (US-Thinktank) hat in seinem Buch „Effects Based Operations“ (2002) ein einfaches Modell konstruiert, aus dem das Wesen des modernen Krieges hervorgeht. Er hat vergangene große und kleine Kriege untersucht und kommt zu dem Schluss, dass die Erfolgschancen zu gewinnen gleich dem Produkt aus militärischer Stärke und dem Willen ist, sie einzusetzen. Bezeichnend ist, dass er den Willen zum Quadrat genommen hat. Der Sieg der Taliban über die an Kriegsmitteln überlegenen Amerikaner haben seine Theorie bestätigt.

Mittel sind Rüstungsgüter wie Kampfflugzeuge, Drohnen, Hyperschallraketen, Panzer, technische Unterstützung, Aufklärungstechnik wie z.B. Satelliten und Logistik. Wille besteht aus der politischer Entschlossenheit zum Krieg und der Bereitschaft der Öffentlichkeit mitzugehen.

  • Europäische Gewissheiten

Die Ukrainer sowie die Iraner scheinen auf dem Weg zu sein, die Gleichung wiederum zu bestätigen. Ob beide das Stehvermögen auf der Mittel und Wille Seite haben, einen Erfolg einzufahren, bleibt abzuwarten. Fragt sich, was “Erfolg” ist. Es gibt immer die Zeit danach. Amerikaner, Chinesen und auch Russen sind auf der Mittel-Seite jedem anderen konventionellen Gegner überlegen. Die Europäer sind es technologisch und auf dem Papier. Anzahl und Qualität moderner Waffensysteme sowie Truppenstärken machen sich gut in Hochglanzbrochüren. Europa ist militärisch ein Papiertiger. Das wird sich auch in Absehbarerzeit durch Milliarden Rüstungsausgaben nicht ändern. Es fehlt die Erfahrung bei der koordinierten Führung von Armeen unter Einbeziehung des Einsatzes von Luft- und See-Streitkräften und nicht zuletzt des Zivilschutzes. Die ist nicht nur eine Sache von Ausbildung, der Schaffung von neuen Organisationen und Planung. Es fehlt eine Kriegsführungskultur. Nimmt man die unterschiedlichen Interessen der NATO-Länder hinzu, die im Nordatlantikrat nur einstimmig einen Kriegseinsatz entscheiden können, bestätigt das die Feststellung, dass eine europäische NATO ein Papiertiger ist und auf absehbare bleiben wird. Vor diesem Hintergrund kann man die Abschreckungs- und Rüstungspolitik der Bundesregierung nur naiv und gefährlich nennen.

  • Aufgekärte Gewissheit

Europas sicherheitspolitische Stärke liegt in seiner normativen Kraft, und die ist gekenneichnet durch die Erfahrungen nach Krieg. Unsere Ängste vor “bösen Nachbarn” überwinden wir nicht durch Kriegsbereitschaft, sondern nur durch das Fokussieren auf friedliche Nachbarschaft. Der wichtigste Schritt dazu ist, die Menschen über Krieg aufzuklären und ihnen keine Angst zu machen. Die Gewissheit, die bleibt ist, dass Menschen lernfähig sind, wenn sie efahren, dass Veränderung durch Krieg und Rüstung keine Option ist. Friedenspolitik basiert auf dieser Erkenntnis. Sie ist nur möglich, wenn der Bürger sie teilt. Ein dumm gehaltenes Volk kann das nicht. [Ulrich Scholz/erstveröffentlicht auf Ulrichs Newsletter]