„Und Federn überall“ – Ein Roman über Arbeit, Würde und Erinnerung
Passend zum „UNESCO Welttag des Buches“ eine Empfehlung: „Und Federn überall“ – Ein Roman über Arbeit, Würde und Erinnerung.
Die Kälte von Ausbeutungsverhältnissen ist kein abstraktes Phänomen – sie zeigt sich ganz konkret im persönlichen Umfeld, oft in unmittelbarer Nähe. Der für den Deutschen Buchpreis 2025 nominierte Roman „Und Federn überall“ von Nava Ebrahimi eröffnet einen fiktiven Blick auf eine Stadt im Emsland, deren Vorbild unverkennbar Haren (Ems) ist.
Im Zentrum steht eine gigantische Hähnchenzerlegungsanlage, die das Leben und Arbeiten in der Region prägt. Zugleich verknüpft der Roman die Geschichten seiner Hauptfiguren mit der Vergangenheit des fiktiven Ortes Lasseren, in der nach dem Zweiten Weltkrieg für drei Jahre deutsche Einwohner:innen den Ort verlassen mussten und Vertriebene aus Polen dort lebten – so wie tatsächlich in Haren/Ems.
Diese historische Ebene verbindet die Autorin mit heutigen Lebensrealitäten: Sie schildert die Schicksale von Arbeiter:innen und Migrant:innen, die unter harten Bedingungen in der Fleischverarbeitung tätig sind und sich ihren Lebensunterhalt mühsam verdienen müssen. Dabei zeigt sie eindringlich, wie Menschen trotz permanenter Bedrohung durch Ausbeutung und Rohheit um Würde und Selbstbestimmung kämpfen.
In den Geschichten der sechs Hauptfiguren spiegeln sich die brutalen Zwänge der Lohnarbeit, die Angst vor Abschiebung und existenzielle menschliche Nöte. Doch nicht nur jene am unteren Rand der sozialen Pyramide ringen darum, angesichts dieser Verhältnisse nicht zu verhärten – auch diejenigen, die eher zu den Profiteuren des Systems zählen. Nichts daran wirkt konstruiert; vieles erinnert an reale Verhältnisse. Der Gewinnerin des Ingeborg-Bachmann-Preises Nava Ebrahimi ist es gelungen, in einer poetischen Sprache einen klugen und spannenden Roman zu schreiben. [Joop Deters]
