Ein Wippinger, der 1981 als Wehrpflichtiger im Offizierkasino auf dem Luftwaffenstützpunkt Wittmund Dienst tat, berichtete mir damals, wie verrückt die Piloten nach der Verhängung des Kriegsrechts in Polen darauf warteten, dass sie jetzt endlich im Osten zuschlagen könnten. Die Piloten fieberten im Casino mit ihren Gesängen direkt ihrem ersten Kriegseinsatz entgegen, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, wie das zu Ende gehen könnte.

Generalleutnant Holger Neumann, der Chef der Luftwaffe, drohte vorgestern Russland in einem Interview mit der britischen Zeitung The Telegraph mit vernichtenden Schlägen, falls es einen NATO‑Verbündeten angreift. Deutschland sei bereit, „heute Nacht“ gegen Russland „zu kämpfen“ und werde „jeden Zentimeter“ des NATO-Gebiets verteidigen.

Es gebe in der NATO „keine unterschiedlichen Sicherheitszonen“, was bedeute, dass ein Angriff auf Estland dieselbe Reaktion rechtfertige wie ein Luftangriff auf London. Die Kola-Halbinsel im Nordwesten Russlands, Kaliningrad und das Schwarze Meer würden den Zorn der NATO zu spüren bekommen, wenn sie sich verteidigen müsse.

Der Ukraine-Krieg ist entstanden, weil die Nato durch die Aufrüstung der Ukraine und ihre Einbeziehung in die militärischen Strukturen der Nato Russland direkt auf die Pelle gerückt ist und Russlands Atomschutzschirm gefährdete. Ein solches Vorrücken wäre nur vergleichbar gewesen mit der Stationierung russischer Waffen auf Kuba, in Mexiko oder Kanada. So etwas hätten die USA und die Nato nie tatenlos zugelassen.

Der Ukrainekrieg ist erklärtermaßen eine Reaktion auf das Vorrücken der Nato. Damit ist auch der Pfad für Friedensverhandlungen zur Beendigung des Ukrainekriegs leicht erkennbar. Neumann halluziniert dagegen einfach eine Bedrohung durch Russland, um die Aufrüstung Deutschlands, die mittelfristig den halben Staatshaushalt auffrisst, zu rechtfertigen. Und die Sprache mit den martialischen Drohungen lässt erkennen, dass der Mann – wie seine Kollegen 1981 – darauf brennt, endlich losschlagen zu können. [jdm]