Krieg – Ein Gedankenspiel
Man spielt Krieg auf der Mülleimer-Ebene, und keiner riecht den Gestank
- War Studies und Friedensforschung
Krieg spiegelt immer die Kultur i.e. die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit. Das gilt für die Ursachen, Ziele, Begründungen genauso wie für die Art der Kriegführung. Nicht zuletzt durch die menschlichen Katastrophen, die mit Kriegen der Neuzeit einhergingen, hat die akademische Welt im Westen Krieg zu einem Forschungsobjekt gemacht. „War Studies“ heißt in angelsächsischen Ländern das Studienfach, in dem man einen akademischen Grad erlangen kann. Da geht die deutsche Variante schon etwas weiter. – Wen wundert es?! – Bei uns heißt es „Friedensforschung“. Während die erstere sich darum bemüht, die Ursachen verlorener Kriege zu untersuchen, um daraus für das nächste Mal zu lernen, bemüht sich letztere darum, Wege zu finden, um Kriege zu vermeiden. Der Lernprozess dahinter, dass Krieg für Menschen eine Geißel ist, gab es in der Geschichte immer wieder.
- Ein erster Versuch, Kriege zu verbieten
Ein leuchtendes Beispiel ist der indische Herrscher Ashoka (304-232 v.Chr). Durch das Erleben der Folgen seiner eigenen blutigen Eroberungskriege erschüttert und beseelt vom Buddhismus verbot er bei Strafe in seinem Reich das Führen von Kriegen. Sein Friedensbeispiel zog Abgesandte aus anderen Reichen seiner Zeit an. Sie wollten von ihm lernen. In Indien wird er bis heute als herausragender Vertreter einer gerechten und friedfertigen Politik verehrt. Seine Geisteshaltung hat in der Geschichte bis gestern immer wieder Früchte getragen. Die Schrecklichkeit des Krieges war der Auslöser.
- Der letzte Versuch, Kriege zu verbieten
Die Charta der Vereinten Nationen, die gleich nach dem 2. Weltkrieg von den USA gegründet wurde, verbietet Krieg. Gleichwohl erlaubt sie ihn, wenn es um Selbstverteidigung geht oder darum, Friedensstörer zu disziplinieren. Damit wurde Krieg durch die Hintertür wieder legitimiert. Das Erklären einer Bedrohung, der Schutz von Unterdrückten und die Durchsetzung von Humanität waren und sind die Feigenblätter mit der Kriegführende ihre Interessen verkleiden. Sie unterschlagen, dass ihre eigene Politik in der Vergangenheit zum Konflikt nicht nur beigetragen, sondern in die KO-Alternativen Krieg oder Frieden hineingejagt hat. Dessen sind alle sogenannten Großmächte und ihrer Gefolgschaft schuldig. Dieses Muster wird nur durch Einzelpersonen durchbrochen. Der Begriff „Staatsmänner“ umschreibt sie sehr schön. Bei allem Verfolgen der eigenen Interessen haben sie auch die Interessen des anderen gesehen. Ihnen ging es immer um friedliche und nachhaltige Konfliktlösungen.
- Staatsmänner als Garant für Frieden
In diesem Zusammenhang wird immer wieder der preußische Kanzler Otto von Bismarck als Staatsmann genannt. Er war Staatsmann insoweit, dass er die Interessen seines Königs im Konflikt mit den mächtigen europäischen Herrschern in Wien, Paris und Moskau auf geniale Weise gelöst hat. Er benötigte zwei Kriege, einen gegen Österreich und einen gegen Frankreich mit mehreren Hunderttausend Toten, um den Macht-politischen Flickenteppich Deutschlands unter seinem König, dem König von Preußen, zu vereinen. Der wurde damit zum Kaiser des 2. deutschen Reiches (das erste begann 800 unter Karl dem Großen und das dritte 1933 unter dem „größten Führer aller Zeiten“, Adolf Hitler). Bismarcks Werk war aber nur von kurzer Dauer, weil sie an seine Persönlichkeit gebunden war. Als er bei seinem König, Wilhelm II, in Ungnade fiel, wurden Rüstung und Krieg wieder zum „bewährten“ Mittel nationaler Außenpolitik. Der 1. und der 2. Weltkrieg waren eine „natürliche“ Folge. – Die Lehren aus der Geschichte hatten in der Friedenspolitik nach 1945 Früchte getragen (siehe die UN-Charta, die Krieg ausdrücklich verbietet). Die Einigungspolitik in Europa folgte einer pazifistischen Idee. Unter dem nuklearen Abschreckungsschirm zwischen den USA und der Sowjetunion kümmerte man sich um wirtschaftliche Entwicklung und „Gute Nachbarschaft“. Der Staatsmann Willi Brandt mit seiner Neue Ostpolitik war der Initiator. Er bewies, dass man auch ohne Krieg Veränderung zum Menschlichen bewirken kann. Sie führte mit der Auflösung der Sowjetunion durch den Staatsmann Gorbatschow zu einem vielversprechenden Neuanfang in Europa. Altes Sicherheitsdenken verhinderten ihn. Das war von je her bestimmt von US-amerikanischen Interessen, deren europäischer Anker die NATO war. Deren Aufgaben wurden unter europäischer Zustimmung erweitert. Damit wurde Krieg für die Europäer durch die Hintertür wieder zu einem probaten Mittel der Politik. Eingekleidet in Moral, „Rechtmäßigkeit“ und Angst vor „dem Bösen“ nimmt Deutschland weltweit an Kriegen der USA teil oder unterstützen sie. Gegen Krieg zu sein, sollte eigentlich genauso wie der Holocaust in die Gene eines jeden Deutschen eingebrannt sein. Beim Holocaust gibt es politisch und gesellschaftlich keinen Kompromiss. Gut so. Bei Krieg sind wir schon wieder fleißig dabei. Warum ist das so?
- Desinformation als Friedensverhinderer
Ein Grund ist sicherlich die Informationspolitik der Kriegführenden. Nach dem Vietnamkrieg, der in seiner Brutalität täglich ungefiltert in den Wohnzimmern amerikanischer Haushalte zu verfolgen war, hat man jede Berichterstattung zensiert. Während des Falklandkrieges der Briten gegen Argentinien (1982) durften Berichte der ausgesuchten mitgenommenen Journalisten (imbeded journalists) erst nach drei Tagen Zensur veröffentlicht werden. Alle Kriege danach (Irak, Afghanistan, War on Terror, Ukraine, Iran) unterlagen und unterliegen bis heute diesen Restriktionen.
- Der Aberglaube an den chirurgische Krieg
Eine weitere Ursache liegt in der Art der Kriegsführung. Im Bestreben, eigene Verluste zu vermeiden, werden heutige Kriege vornehmlich aus der Luft geführt. Ein Bombenkrieg gegen die Bevölkerung, wie im zweiten Weltkrieg und auch noch in Vietnam, ist einer durch Satelliten gestützte „chirurgische“ Zielbekämpfung gewichen. Damit konnte man kriegswichtige Einrichtungen der gegnerische Führung ausschalten, ohne große Verluste bei der Zivilbevölkerung anzurichten. Eine dieser Einrichtungen sind Kommunikationsmittel zwischen der Führung und den eigenen Truppen. Im Zweiten Golfkrieg (Dessert Storm) hatte der Luftkrieg, der dem Landkrieg voranging, die gesamte Kommunikation der Iraker zwischen Führung und Bodentruppen lahmgelegt. Die Folge war, dass beim Angriff der alliierten Divisionen nur noch 25% der Iraker organisierten Widerstand geleistet haben. Sie waren führungslos. Auf diese Weise können die Amerikaner sicher Kriege gewinnen. Was sie nicht gewinnen können, ist den Frieden danach. – Entscheidend für einen Sieg im Krieg ist, dass die Gesellschaft einer Kriegspartei durch Opfer und Zerstörung so kriegsmüde geworden ist, dass sie nur noch will, dass es aufhört. Bedingungslose Kapitulation. Der chirurgische Krieg verhindert das. Der sucht die schnelle Entscheidung. Als nach dem Luftkrieg gegen den Irak amerikanische Panzer durch Bagdad rollten, war das für viele Iraker ein Schock. Es war doch Krieg, und wir haben nicht gekämpft. Nachdem sie befreit worden waren, haben sie begonnen zu kämpfen, gegen die Besatzer und gegeneinander. Der Frieden danach hat 500 000 Irakern das Leben gekostet.
- Krieg – Ein Mülleimerspiel
Es scheint, dass alle diese Lehren, die die Fortschreibung von Krieg als Mittel der Politik ad absurdum führen, in den Kämmerleins von Friedensforschern vergammeln. Politiker und Öffentlichkeit beschwören heute das eigene Gutsein und diskutieren, welche Waffentechnik man braucht und wieviel Soldaten für einen nächsten Krieg. Man spielt Krieg auf der Mülleimer-Ebene und keiner riecht den Gestank. [Ulrich Scholz/erstveröffentlicht auf Ulrichs Newsletter]

