Wie Sprache zum Kriegstreiber und Friedensverhinderer wird

  • Nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen wir
Tafelbild
Ulrich Scholz

Wer täglich mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat, der wird Worte wie im Titel regelmäßig hören. Auch im Privaten scheuen sich unsere Heranwachsenden nicht, sie auch gegenüber Erwachsenen zu benutzen. So geschehen im Haushalt meiner Vermieter. Die Enkelin war zu Besuch und hatte ihre Freundin mitgebracht. Die beiden Mädchen (12 Jahre alt) hatten es sich im Wohnzimmer gemütlich gemacht und wollten Fernsehen gucken. Der Herr des Hauses, ein würdiger Rentner und vormals Kapitän eines Zollbootes, untersagte es ihnen. Im folgenden Wortwechsel fiel dann von der Freundin der ungeheuerliche Satz: Ich trete Dir gleich in die Eier. Meine Vermieterin war entsetzt und fragte mich, ob eine solche Sprache für Kinder heute normal sei. Sie fragte mich deswegen, weil ich zu der Zeit an einer Gesamtschule als Lehrer tätig war.

Für mich war das Ereignis Anlass, diese Art der Umgangssprache in meiner Klasse zum Thema zu machen. Ich bat die Schüler, mir Beispiele dieser Sprache zu nennen (siehe Titel-Foto), was sie mit Eifer taten. Als ich sie fragte, warum sich Schüler auf diese Weise anredeten, kam es zu leidenschaftlichen Beiträgen. Es war, als ob ein Deckel vom Topf fliegt, der mit Aggression beschriftet war. Alle meine Versuche, an ihren Beispielen in Richtung Verständnis für den anderen und Mäßigung in der Sprache zu moderieren, wurden kategorisch zurückgewiesen. Der andere hätte angefangen und damit die Beschimpfung verdient. Wie an jeder Schule, an der ich in den letzten 12 Jahren als Seiteneinsteigerlehrer tätig war, bemühten sich Schulleitung und Kollegium dieser Umgangskultur, die immer wieder auch in Gewalt umschlägt, Herr zu werden. Verhaltensregeln werden auf Plakaten im Klassenraum an die Wände gehängt, die die Schüler unterschreiben müssen. Dabei ist jedes Vergehen mit konkreten Disziplinarmaßnahmen gekoppelt. Damit will man zur Verantwortung für das eigene Handeln erziehen und natürlich abschrecken. Das mag im Einzelfall gelingen. Eine Kultur kann man auf diese Weise nicht verändern. Die hat ihre Ursachen im gesellschaftlichen.

  • Ich verletze niemanden

Getreu des alten Satzes aus der Psychologie, wenn Du einen anderen Menschen verändern willst, must du dich selbst verändern habe ich mein Lehrerverhalten geändert. In meinen Klassen gab es keine Plakate. Meine einzigen Ansagen waren, was ins Klo gehört, nehme ich nicht in den Mund und ich verletze niemanden. Die erste fanden die Schüler cool. Sie begannen, sie sich gegenseitig vorzuhalten. Die zweite hat es in sich. Verletzen bedeutet eben nicht nur körperliche Gewalt, sondern auch seelische, die herabsetzt und damit würdelos, traurig und verzweifelt machen kann. Dabei ist nicht wichtig, wie der Täter etwas gemeint hat, sondern allein, wie der andere es empfinden könnte. Die geschilderte Sprachkultur an unseren Schulen weist daraufhin, dass es mit der Empathie an unseren Schulen nicht weit her sein kann. Das ändert sich in der Regel mit dem Ende der Pubertät.

  • Verschütt gegangene Empathie

Zielsetzungen führen zur Anpassung an vorgegebene Regeln. Man ist “klüger” geworden. Empathie, die beim Kleinkind normalerweise über bedingungslose Liebe erfahren wurde, wird von sogenannte Soft Skills übernommen, die im Rahmen der Berufsausbildung zielorientiert gelernt werden. Für jemanden, der liebevolle Bezugspersonen in Familie und Schule erfahren hat, sind sie eine bereichernde Weiterbildung. Für jemanden, der während dieser Zeit Empathie verlernt hat, sind Soft Skills Mittel zum Zweck. Solche Menschen können Empathie situationsbezogen zeigen, ohne sie wirklich zu fühlen. Bei entsprechender Intelligenz und Ausbildung können sie in die höchsten Positionen aufsteigen. Vielleicht haben Sie in ihrem Leben solche kennengelernt und können mir zustimmen, dass die nicht immer leicht zu erkennen sind. Zwei Merkmale sind sicherlich Egozentrismus und Rücksichtslosigkeit. Solange sie damit erfolgreich sind, gelten sie als Macher, die halt “so” sein müssen. Mangelnde Empathie wird mit “menschlich ein bisschen schwierig” entschuldigt. In der politischen Führung eines Landes können solche Menschen sehr gefährlich werden. Sie verursachen nämlich Kriege und sind friedensunfähig. Ihre Sprache verrät sie. Die älteren werden sich vielleicht erinnern.

  • Empathie – eine Erfolgsgeschichte des 20. Jahrhunderts

In Reykjavik, der isländische Hauptstadt, trafen sich 1986 der damalige US-Präsident Reagan und Michael Gorbatschow, der Parteisekretär der kommunistischen Partei der Sowjetunion (SU). Sie wollten über die Abrüstung von Atomwaffen reden. Reagan hatte die SU immer als “Evil Empire” bezeichnet und das SDI-Programm aufgelegt (Strategic Defense Initiative). Es sah vor, Laser gestützte Satelliten im Weltraum zu stationieren, um im Fall eines Krieges russische Atomraketen abzufangen. Sprache hatte eine Bedrohung konstruiert, die Aufrüstung legitimierte. – Obwohl wegen Detailfragen kein Abkommen unterzeichnet wurde, war man sich in Reykjavik nähergekommen. Beide Staatsmänner versprachen sich, weiter zu verhandeln. Dabei sollten auch andere Themen wie Menschenrechte auf die Agenda kommen. Das persönliche Kennenlernen hatte Sympathie füreinander erzeugt. Damit wurde Empathie für die gegnerische Position möglich. Unterschiedliche Weltanschauungen, vergangene Politik und Sprache waren unwichtig geworden. Wofür Bundeskanzler Willi Brandt einige Jahre vorher im deutschen Bundestag von der CDU als Verräter beschimpft wurde, fand hier seine Fortsetzung. Dessen Neue Ostpolitik setzte auf Empathie mit den kommunistischen Staaten in Osteuropa, die im 2. Weltkrieg unter dem deutschen Angriffskrieg fürchterlich gelitten hatten. Sie führte einige Jahre später zur Begegnung in Reykjavik und letztendlich zum Ende des Kalten Krieges und zur Wiedervereinigung. Wo ist diese Empathie gegenüber Russland heute? – Sie wird mit aller Macht verhindert.

  • Empathie – eine Katastrophengeschichte des 21. Jahrhunderts

Man befeuert den Krieg in der Ukraine durch Waffenlieferungen und macht sich damit mitschuldig, dass ein Verhandlungsfrieden nicht zustande kommt. Vor Allem befeuert man ihn durch eine kriegstreiberische Sprache, die im Mantel von Moral und Recht daherkommt. Seit Beginn des Einmarsches der russischen Armee in die Ukraine vergeht kein Tag, an dem unsere Politiker und Medien Putin als Monster darstellen, der die Ukraine vereinnahmen will, um dann Europa zu überfallen. Seine Absicht sei, in Europa ein Großrussisches Reich zu schaffen, in dem er Zaren-gleich herrschen könnte. Diese Sprache ist in unserer Bevölkerung schon längst auf fruchtbaren Boden gefallen, wie ich in vielen Gesprächen immer wieder feststellen muss. Ein solches erlebte ich in einer Hotebar. Eine anwesende Reisegruppe diskutierte den Ukraine-Krieg. Putin Bashing pur. Irgendwann habe ich meinen Sitznachbarn gefragt: Was wissen sie eigentlich über Russland? – Geschichte, Geografie, Kultur? – Da kam nicht viel! – Ich habe weiter gefragt: Was wissen Sie über den Leidensweg der russischen Bevölkerung während des Einmarsches Napoleons, während der Zarenzeit und der Revolution, die in der Folge unvorstellbare Hungersnöte auslöste? Was wissen Sie über den Gulag, den millionenfachen Opfern der Deportationen nach Sibirien unter dem Stalinregime? Was wissen Sie über die Einkesselung der Stadt Leningrad durch die deutsche Wehrmacht 1944? Sie dauerte über 800 Tage und hat 1 Millionen Menschen das Leben gekostet. Man hatte sogar Menschenfleisch gegessen, um zu überleben. – Den Ja-Aber Einwand habe ich natürlich konzediert. Alles das rechtfertigt nicht den Einmarsch in die Ukraine.

  • Empathie – der einzige Weg zu einem nachhaltigen Frieden

Worauf ich aufmerksam machen wollte, ist, dass diese Geschichte auch Herrn Putins Geschichte als russischer Staatspräsident ist. Wenn man das berücksichtigt, kann man vielleicht verstehen, warum er, wie die meisten Russen, die NATO-Osterweiterung als eine Bedrohung empfunden haben muss. Damit kann man seinen Einmarsch in die Ukraine verstehen. Mangelnde Empathie, die schon Jahre vor dem Ukrainekrieg ein Zerrbild von Herrn Putin erzeugt hat, macht heute eine Friedenlösung im Ukrainekrieg unmöglich und hat einen neuen Kalten Krieg entfacht. Herr Putin ist nicht die eigentliche Ursache. Es ist die Unfähigkeit unserer Politiker zur Empathie. Die hat auch ihre Ursachen. Vielleicht liegt sie in einer gesellschaftlichen Entwicklung bei uns, in der wahre Empathie verlorengegangen ist. Das Schulbeispiel lässt darauf schließen. Ein Symptom für diesen Verlust ist die Sprache. [Ulrich Scholz/erstveröffentlicht auf Ulrichs Newsletter]