{"id":15777,"date":"2024-02-17T19:19:56","date_gmt":"2024-02-17T18:19:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.hallo-wippingen.de\/wp\/?p=15777"},"modified":"2024-02-18T12:34:41","modified_gmt":"2024-02-18T11:34:41","slug":"internationaler-tag-der-muttersprache-gedanken-und-erlebnisse-eines-plattdeutschen-muttersprachlers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hallo-wippingen.de\/wp\/2024\/02\/internationaler-tag-der-muttersprache-gedanken-und-erlebnisse-eines-plattdeutschen-muttersprachlers\/","title":{"rendered":"Internationaler Tag der Muttersprache \u2013 Gedanken und Erlebnisse eines plattdeutschen Muttersprachlers"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/www.hallo-wippingen.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Zeugnis_Artikel_Muttersp_2024.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.hallo-wippingen.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Zeugnis-muttersprachlicher-unterricht-791x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-15778\" width=\"198\" height=\"256\" srcset=\"https:\/\/www.hallo-wippingen.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Zeugnis-muttersprachlicher-unterricht-791x1024.jpg 791w, https:\/\/www.hallo-wippingen.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Zeugnis-muttersprachlicher-unterricht-232x300.jpg 232w, https:\/\/www.hallo-wippingen.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Zeugnis-muttersprachlicher-unterricht-768x994.jpg 768w, https:\/\/www.hallo-wippingen.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Zeugnis-muttersprachlicher-unterricht-1187x1536.jpg 1187w, https:\/\/www.hallo-wippingen.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Zeugnis-muttersprachlicher-unterricht-116x150.jpg 116w, https:\/\/www.hallo-wippingen.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Zeugnis-muttersprachlicher-unterricht-400x518.jpg 400w, https:\/\/www.hallo-wippingen.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Zeugnis-muttersprachlicher-unterricht.jpg 1275w\" sizes=\"(max-width: 198px) 100vw, 198px\" \/><\/a><figcaption>Zeugnis mit Fach &#8222;Muttersprachlicher Unterricht&#8220;<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Vor einiger Zeit dr\u00fcckte mir meine Mutter einen Stapel alter Zeugnisse in die Hand. Sie stammten aus meiner Grundschulzeit und hatten fast f\u00fcnf Jahrzehnte in einem Karton im trockenen Keller verbracht. Neben einigen Besonderheiten, wie beispielsweise einem au\u00dfergew\u00f6hnlich starken Notensprung nach einem Lehrerwechsel, fiel mir die Bezeichnung \u201e<strong>Muttersprachlicher Unterricht<\/strong>\u201c ins Auge.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erinnere mich ebenfalls an die Bezeichnung \u201e<strong>Muttersprache<\/strong>\u201c in unseren damaligen Stundenpl\u00e4nen. Zu der Zeit in den 1970er Jahren hatte ich nicht weiter \u00fcber diese Bezeichnung nachgedacht, obwohl meine Mutter sich bereits damals wunderte, warum es nicht einfach \u201aDeutsch\u2018 hie\u00df, so wie es sonst immer gehei\u00dfen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinsichtlich der Beweggr\u00fcnde der damaligen Landesregierung in Hannover kann ich nur Mutma\u00dfungen anstellen, die hier nicht Gegenstand meiner Betrachtungen sein sollen. Jedenfalls erscheint mir nach einigem Nachdenken die Bezeichnung \u201e<strong>Muttersprache<\/strong>\u201c f\u00fcr das Schulfach Deutsch im Nachhinein doch etwas fragw\u00fcrdig. Wurden damit Mitte der siebziger Jahre nicht viele Sch\u00fcler ausgegrenzt, beispielsweise die Kinder der aus S\u00fcdeuropa und aus der T\u00fcrkei zugereisten Arbeitskr\u00e4fte, die damals noch \u201eGastarbeiter\u201c genannt wurden?<\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings bringt mich der <strong>\u201emuttersprachliche Unterricht\u201c<\/strong> auf dem Zeugnis nicht nur wegen der zugewanderten Sch\u00fcler ins Gr\u00fcbeln. Wollte man uns hier heimischen Plattsprechern mit diesem Begriff etwa glauben machen, dass unsere Muttersprache Deutsch ist und unser Platt nur eine Variante davon? Oder wollte man uns sogar soweit umerziehen, dass wir schlie\u00dflich das, was wir normalerweise Hochdeutsch nennen, als unsere prim\u00e4re Denk- und Sprechsprache annehmen? Wir werden es wohl nicht mehr herausfinden k\u00f6nnen. Seit langem schon hei\u00dft das Fach in der Schule wieder \u201eDeutsch\u201c und es wird wohl niemand bestreiten wollen, dass das die bessere Bezeichnung ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4testens mit der Aufnahme des Niederdeutschen in die Europ\u00e4ische Charta der Regional- und Minderheitensprachen im Jahre 1998 hat sich der Status unserer Regionalsprache einigerma\u00dfen gekl\u00e4rt. Aber selbst in den Schulen gibt es bis heute immer noch Aufkl\u00e4rungsbedarf zu diesem Thema. So wollte der Deutschlehrer (!) meines Sohnes nicht glauben, dass Plattdeutsch aufgrund seiner Geschichte, Struktur und des Wortschatzes eine eigene Sprache ist. Nach einem entsprechenden Hinweis zu ausf\u00fchrlichen Informationen auf der Internetseite des <a href=\"https:\/\/ins-bremen.de\/\">Instituts f\u00fcr Niederdeutsche Sprache<\/a> in Bremen war diese Diskussion dann beendet. Was bleibt, ist die Frage, was der Mann w\u00e4hrend seines Lehramtstudiums der Germanistik gemacht hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Die jahrzehntelange Politik der Missbilligung und Geringsch\u00e4tzung hat schlie\u00dflich dazu gef\u00fchrt, dass kaum noch Eltern die Sprache an ihre Kinder weitergeben, falls sie sie denn selber noch beherrschen. Das Niederdeutsche ist ernsthaft vom Aussterben bedroht. Im Vergleich mit den anderen norddeutschen Bundesl\u00e4ndern hat die Regionalsprache in Niedersachsen einen besonders schweren Stand, denn konkrete Charta-Verpflichtungen im Bereich der Bildung hat Hannover nicht \u00fcbernommen, obwohl es Teil III der Sprachencharta unterzeichnet hat. Man beschr\u00e4nkt sich auf eine \u201eSprachbegegnung\u201c. Ist damit so etwas wie \u201emuss man mal geh\u00f6rt haben\u201c gemeint?<\/p>\n\n\n\n<p>Weiterhin nicht vorhanden sind auch konkrete Absprachen hinsichtlich der Medien, beispielsweise im Rundfunkstaatsvertrag mit dem NDR. W\u00e4hrend in anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern die Regional- und Minderheitensprachen eine echte F\u00f6rderung erfahren, indem z.B. einer der dort regional \u00fcblichen Rundfunk- und Fernsehsender den gr\u00f6\u00dften Teil des Tages in der Regionalsprache sendet, gibt es in Niedersachsen keinerlei Bestrebungen in diese Richtung. Ein positives Beispiel, wie man es anders machen kann, ist z.B. die Provinz Frysl\u00e2n (Friesland) in den Niederlanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Problem der mangelnden F\u00f6rderung der niederdeutschen Sprache in Niedersachsen ist eindeutig in der Landeshauptstadt zu lokalisieren. Dort ist die Sprache schon seit vielen Generationen nicht mehr heimisch und wird als unverst\u00e4ndliche Fremdsprache empfunden, der h\u00e4ufig auch noch mit Geringsch\u00e4tzung begegnet wird. In Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern, sowie den Stadtstaaten Hamburg und Bremen ist die Akzeptanz und Motivation f\u00fcr eine ernsthafte Vermittlung von Niederdeutsch in der Schule und in den Medien sehr viel gr\u00f6\u00dfer, weil dort im Gegensatz zu Niedersachsen homogenere Sprachlandschaften vorliegen, d.h. das niederdeutsche Erbe in diesen Bundesl\u00e4ndern ist fl\u00e4chendeckend vorhanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch ist es hier bei uns im Nordwesten Niedersachsens \u201eMuttersprache\u201c\u2026 [<em>Hyazinth Sievering<\/em>]<\/p>\n\n\n\n<p>Erg\u00e4nzung: <em>Der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Internationaler_Tag_der_Muttersprache\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Internationale Tag der Mutterprache <\/a>ist ein von der <a href=\"https:\/\/www.unesco.de\/kultur-und-natur\/kulturelle-vielfalt\/welttag-der-muttersprache-2022\">UN<\/a><a href=\"https:\/\/www.unesco.de\/kultur-und-natur\/kulturelle-vielfalt\/welttag-der-muttersprache-2022\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">E<\/a><a href=\"https:\/\/www.unesco.de\/kultur-und-natur\/kulturelle-vielfalt\/welttag-der-muttersprache-2022\">SCO <\/a>ausgerufener Gedenktag zur \u201eF\u00f6rderung sprachlicher und kultureller Vielfalt und Mehrsprachigkeit\u201c. Er wird seit dem Jahr 2000 j\u00e4hrlich am 21. Februar begangen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einiger Zeit dr\u00fcckte mir meine Mutter einen Stapel alter Zeugnisse in die Hand. Sie stammten aus meiner Grundschulzeit und hatten fast f\u00fcnf Jahrzehnte in einem Karton im trockenen Keller verbracht. Neben einigen Besonderheiten, wie beispielsweise einem au\u00dfergew\u00f6hnlich starken Notensprung nach einem Lehrerwechsel, fiel mir die Bezeichnung \u201eMuttersprachlicher Unterricht\u201c ins Auge. 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